CLOSE ✕
Get in Touch
Thank you for your interest! Please fill out the form below if you would like to work together.

Thank you! Your submission has been received!

Oops! Something went wrong while submitting the form

Vegetarismus, Klimawandel und Rassismus - was man in Namibia über das Leben lernen kann!

Gregor Ilg
|
Schön Reisen
|
5.9.2019

Ich hatte im letzten Artikel versprochen darüber zu schreiben, wie wir uns hier in Namibia eingelebt haben. Und ich kann gute Gewissens behaupten, es geht uns blendend. Wir sind nun gut 2 Wochen hier und konnten schon einiges von der beeindruckenden Flora und Fauna erleben. Und trotzdem stellten unsere bisherigen Erfahrungen diesbezüglich - so hört man - nur einen ganz kleinen Ausschnitt dar. Unsere nächsten Stationen führen uns an die Küste, in die Dünen und in die Nationalparks. Wir gehen davon aus, dass sich die volle Vielfalt erst dann erschließt. Dann gibt es sicher Einiges zu berichten. 

Also alle, die nun schöne literarische Bilder von majestätischen Antilopen und der namibischen Steppe erwarten, können hier jetzt theoretisch aufhören und in 2-3  Wochen noch einmal reinschauen. Wenn euch aber das namibische Farmleben interessiert. Oder der Umgang mit Rassismus. Das Verhältnis zu Fleisch und Tieren. Die Einstellung zum Klimawandel, in einer Region, die seit 7 Jahren mit Dürre zu kämpfen hat. Dann lest bitte weiter. Aber seid gewarnt. Es ist möglicherweise anders als erwartet.

Farmleben

Drei Tage nach unserer Ankunft in Windhoek trafen wir etwas mitgenommen von der langen Reise und ziemlich überwältigt von der surrealen, beinahe menschenfeindlichen, namibischen Landschaft auf der Gamis Farm irgendwo im Nirgendwo ein. Die Gamis Farm ist ein 22.000 Hektar großes Gelände bestehend aus Felsen, Sand, ein paar kleinen Bäumchen und Büschen. 22.000 Hektar. Das sind ungefähr 30.000 Fußballfelder. Die Farm gehört einer weißen Familie aus Deutschland und wird von einer weißen, namibischen Familie mit deutschen Wurzeln betrieben. Gamis ist damit eine von zahlreichen namibischen Farmen, die von aus Europa stammenden Eigentümern betrieben wird. Und wie bei vielen andere Farmen auch, gibt es auch hier neben der Rinder- und Wildzucht einen Gästebetrieb. Wenn die natürlichen Bedingungen die Landwirtschaft erschweren, muss man kreativ werden. Tourismus ist die naheliegende Ersatzindustrie.

Empfangen wurden wir am Nachmittag von unserem Gastgeber Heinrich mit einer selbstgemacht Zitronenlimonade und einem Blick vom Farmhaus über die unendlichen Weiten der namibischen Landschaft. Vom ersten Moment an war Heinrich bestrebt, uns einen Einblick in das Leben eines namibischen Farmers zu verschaffen. Es fiel uns nicht immer leicht ihm zu folgen, weil uns viele Begriffe, Regionen und Pflanzennamen nicht geläufig waren. Aber interessant war es nichtsdestoweniger.

Kudubock auf dem Farmgelände. Im Hintergrund das Farmhaus auf dem Berg.


Am Abend lernten wir auch Heinrichs Mutter Angela und seinen Bruder Holger kennen, die wir ebenfalls schnell ins Herz schlossen. Und so saßen wir in der kommenden Woche beinahe täglich morgens und abends zusammen und ließen uns vom Alltag als namibischer Farmer berichten. Tagsüber nahm uns Holger häufig mit auf seine Farmrundfahrt, wo wir das gelernte Wissen anwenden und erweitern konnten. Wer hätte zum Beispiel gewusst, dass Hyänenkot weiß ist, weil Hyänen in der Regel die Knochen vom Aas abnagen. Oder wie ein rein mechanisches, automatisches Bewässerungssystem für die fast 30, über das gesamte Gelände verteilten Wasserstellen funktioniert (Hinweis: Schwerkraft, Rohrsysteme und Luftkissen spielen eine wichtige Rolle).

Neben allem, was wir über die Landwirtschaft und das Leben unter solch widrigen Umständen lernten, haben mich drei Bereiche besonders beschäftigt. Einfach weil sie meine eigene Sicht der Dinge etwas durcheinander brachten. Vom Farmleben wussten ich bisher nicht viel. Und so saugte ich jede neue Information dankbar auf, ohne sie groß zu hinterfragen. Aber zu den Themen Vegetarismus, Klimawandel und Rassismus habe ich eine klare Meinung. Da fiel es mir sehr viel schwerer die hiesigen Ansichten in mein eigenes Weltbild einzuordnen. 

Vegetarismus

Im Kampf für eine nachhaltigere Lebensweise ist der Verzicht auf Fleisch in Europa ganz weit oben auf der Agenda. Zu Hause war ich im letzten Jahr dazu übergegangen, kein Fleisch mehr selbst zu kaufen und nur noch zu besonderen Anlässen welches zu essen. 

Ich hatte mich schon recht gut an dieses Flexitarier-Dasein gewöhnt. Die immer zahlreicheren vegetarischen Alternativen machten es mir einfach. Und dann kam Namibia. Vegetarisch zu leben ist hier durchaus möglich. Wenn man auf Maisbrei in allen Variationen steht. Ansonsten wird es schwer. Insbesondere auf dem Land, wo die Angestellten zum Teil nicht mit Geld sondern mit Fleischrationen bezahlt werden. In einer Region in der in den letzten Jahren nur etwa 100 mm Regen gefallen sind (so viel wie in Berlin in einem durchschnittlichen Dezember), ist der Anbau von Obst und Gemüse sehr viel aufwändiger als das Halten von Rindern oder Schafen.

Sehr schnell passten wir uns den örtlichen Gewohnheiten an und nahmen nicht nur Rind und Huhn sondern auch Schaf und Oryx mit in unseren Speiseplan auf. Bei einem traditionellen Braai, wie das klassische Barbeque hier in Namibia genannt wird, erfuhren wir nicht nur, wie großartig ein erstklassig zubereitetes Oryx-Steak schmeckt, sondern auch die Einstellung der hiesigen Farmer zum Biosiegel. Kurz gesagt, sie halten es für Blödsinn. Mehr Bio als in Namibia geht nicht. Es gibt keine Stallhaltung. Die ungefähr 40 Rinder der Gamis Farm haben eine Fläche von mehr als 500 Hektar pro Rind. Die Kälber bleiben bei den Kühen und auch der Bulle läuft mit der Herde mit. Zugefüttert wird lediglich die sogenannte “Lekke”, eine Mischung aus Mineralien, als Ausgleich für die sehr karge Flora in der Dürrezeit. Antibiotika oder Wachstumshormone gibt es hier nicht. 

Das heißt, hier in Namibia ist Fleisch der zentrale Bestandteil einer nachhaltigsten und natürlichen Ernährungsweise. Eine Tofugemüsepfanne in Erdnusssoße wäre hier der reine Luxus und würde in Bezug auf Nachhaltigkeit und CO2 Bilanz katastrophal abschneiden. 

Rinder an Wasserstelle.


Klimawandel und Migration

Kommen wir damit direkt zum menschengemachten Klimawandel. Die Menschenhier kämpfen quasi täglich mit Trockenheit und Dürre. Es hat seit Jahren kaum geregnet. Grüne Wiesen gibt es nur noch auf Fotos. Wo früher Herden von bis zu 60 Oryxen zu sehen waren, sieht man hier selten mehr als drei auf einmal. Es ist schwer an Nahrung zu kommen. Sowohl für drei Farmer als auch für die Tiere. Für ein lebendes Schaf erhält man bei den Auktionen mit etwas Glück 50€. In diesem Umfeld würde man davon ausgehen, dass eine besondere Sensibilität gegenüber dem menschengemachten Klimawandel besteht. 

Aber ganz im Gegenteil. Zumindest alle, mit denen wir uns unterhalten haben, sehen den CO2 Ausstoß nicht als Problem. Hitzeperioden gab es hier in der Gegend schon immer. Das hätte nichts mit der menschlichen Industrie zu tun. Die CO2 Steuer sei lediglich ein weiteres Mittel, um Menschen in ihrer Freiheit einzuschränken. Das Eindämmen von Plastik und eine nachhaltigere Lebensweise hingegen halten viele hier für sinnvoll und erstrebenswert. Unsere Gastgeber besitzen einen LKW für den Rindertransport und einen Land Cruiser, für die täglichen Farmrundfahrten. Die Farmwege haben einen Zustand, der in Deutschland vermutlich nicht einmal für Fußgänger freigegeben wäre. Aber die Fahrzeuge sind jeweils 30 Jahre alt und werden regelmäßig selbst repariert. Es wird kaum etwas weggeschmissen. Reifen, Metalle, Solaranlagen. Alles wird aufgehoben. Außer Plastikverpackungen. Die werden verbrannt.

Die wenigsten namibischen Farmer würden wohl die Grünen wählen. Aber generell wird die Politik sowohl in Namibia als auch in Deutschland sehr kritisch verfolgt. Auch das ist bemerkenswert. Denn obwohl viele hier seit Generationen in Namibia leben und eigentlich kaum noch eine direkte Verbindung nach Deutschland haben, wird das politische Geschehen sehr genau verfolgt. Das betrifft nicht nur die Umwelt- sondern auch die Migrationspolitik. Was bedeuten die Mengen an Flüchtlingen für Deutschland? Kann man diese Mengen überhaupt aufnehmen? Und warum lässt man das überhaupt zu. 

Es gäbe in Afrika genügend sichere Gegenden. Kein Grund, warum Nordafrikaner nach Europa flüchten müssten. An dieser Stelle werden wir mit einigen Verschwörungstheorien konfrontiert. Die Sea Watch spricht sich mit den Schleppern ab und institutionalisiert die Flüchtlinge, um mehr Spendengelder zu bekommen. Die afrikanischen Staatsoberhäupter haben Deals mit Angela Merkel, um ihre Kriminellen und Verrückten loszuwerden. Die Weltwirtschaft wird nächstes Jahr zusammenbrechen. 

Die Informationen holen sich die Farmer größtenteils über Youtube. Den Systemmedien stehen sie kritisch gegenüber. Diese versuchen lediglich, die Dinge zu vertuschen und zu verschleiern. Die Globalisierung führt dazu, dass Menschen leichter zu kontrollieren wären. In China ist es ja jetzt schon so. Die Menschen werden über ihre Daten kontrolliert. Die Welt wir brutaler. Man hilft sich nicht mehr. Das merke man auch hier Namibia. Mit den direkten Nachbarn komme man ganz gut zurecht. Da helfe man sich. Aber in Windhoek, der Hauptstadt, könne man nicht mehr leben. Alles anonym. Alles kriminell. Und auch diese Gleichberechtigungsbestrebungen sind eigentlich gescheitert. 

Rassismus

Und damit kommen wir zum schwierigsten Thema. Ohne die Rassismus Debatte in Deutschland herunterspielen zu wollen, muss man nüchtern betrachtet sagen, dass wir in Deutschland schon auf einem Niveau diskutieren, von dem man hier noch Jahre entfernt ist. In Deutschland ist Rassismus ein individuelles Problem. Zumindest in der Theorie sind alle Menschen gleichberechtigt und haben die gleichen Chancen. Diskriminierung wird adressiert und bekämpft. Es gibt Menschen mit rassistischen Tendenzen, die diese zum Teil auch ganz offen ausleben (leider mittlerweile auch wieder im Parlament). Aber zumindest in der Theorie gibt es in Deutschland keinen systematischen Rassismus.

Hier in Namibia kann man noch nicht einmal in der Theorie von Gleichberechtigung sprechen. Seit 1990 ist Namibia eine unabhängige Republik mit einem semipräsidentiellen Regierungssystem (so wie die USA). Aber die Einflüsse aus der über 100 Jahre zurückliegenden deutschen Kolonialzeit sind nach wie vor deutlich spürbar. Fast alle Farmen und Wirtschaftsunternehmen werden von Weißen geführt. Zur Kolonialzeit wurde das Land aufgeteilt und an diesen Strukturen hat sich nicht viel geändert. 

Der weiße Mann (oder wie in unserem Fall auch die weiße Frau) führt die Farm und die Angestellten sind schwarz. Auch in den Städten sieht man keine weißen Angestellten. Die Weißen sind Führungskräfte, Eigentümer, Macher. Meistens hinter der Kulissen. Die Schwarzen sind Angestellte, Bedienstete, Abhängige. Die, die das Trinkgeld kriegen. 

Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber die kommen nicht ohne Preis. Durch Reformprogramme sollen die Ungerechtigkeiten der Kolonialzeit ausgeglichen werden. Die Regierung kauft Farmen von Weißen und teilt diese dann unter den ehemals benachteiligten Bevölkerungsgruppen auf. Da diesen aber häufig die Erfahrung in der Führung von kommerziellen Farmen fehlt, scheitern sie häufig. Die weißen Farmer sehen sich in ihrer Meinung bestätigt. Schwarze seien nicht in der Lage eine Farm zu führen. Ihnen fehle die Disziplin, die Weitsicht und der Wille, etwas zu erreichen. 

Und das Bedenkliche daran ist, dass dieses Denken scheinbar nicht nur bei den Weißen (die wir kennengelernt haben) verankert ist, sondern auch bei den Schwarzen. Den Erzählungen zufolge werden Schwarze, die Ambitionen haben, etwas zu erreichen und von den Weißen zu lernen, von ihren Familien und Freunden abgestraft. Teilweise sogar mit körperlicher Gewalt. Anscheinend gibt es in Afrikaans sogar einen Begriff dafür. Witvoet. So werden Schwarze genannt, die sich dem strebsamen, weißen Leistungsdenken anpassen.

All das führt dazu, dass die Strukturen sich verhärten. Die Weißen bleiben unter sich. Das Verhältnis zu Schwarzen ist wenn überhaupt dann freundlich distanziert. Der weiße Mann gibt Trinkgeld, der schwarze passt auf die teuren weißen Autos auf. Es gibt selten wirklich offen rassistische Äußerungen. Aber jeder weiß, wer gemeint ist, wenn von denen geredet wird, die nicht arbeiten wollen oder nicht intelligent genug sind für anspruchsvolle Aufgaben. Der Rassismus ist hier nicht bewusst bösartig. Er ist einfach nur da. Und er wird nicht einfach so verschwinden, wegen in paar halbherzigen Reformprogrammen und weil in der westlichen Welt von Vielfalt gesprochen wird. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich hier in nächster Zeit etwas ändern sollte.

Und ich sitze hier und kriege es gedanklich nicht zusammen. Sind die Farmer, welche uns so herzlich aufgenommen haben, nun schlechtere Menschen? Es fällt schwer einen Schuldigen zu definieren. Die weißen Farmer, die irgendwie überleben wollen? Die schwarzen Ureinwohner, welche ganz andere Werte haben und für die es in diesem westlich geprägten System keine Perspektiven gibt? Die vergleichsweise junge Regierung, die viel zu wenig politische  Erfahrung hat? 

Fakt ist, dass Rassismus hier eine ganz andere Präsenz hat als in Deutschland. Man begegnet ihm quasi täglich unverhohlen und häufig ohne böse Absicht. Auf der Straße werde ich als Boss angesprochen. Wenn ich Trinkgeld gebe, ist alles in Ordnung und ich werde freundlich verabschiedet. Wenn nicht, bin ich der arrogante weiße Tourist und werde teilweise böse beschimpft. 

Auch heute noch, 100 Jahre nach der Kolonialisierung, werden Weiße scheinbar automatisch verantwortlich gemacht für das Wohl und Wehe der schwarzen Bevölkerung. Ob sie es nun wollen oder nicht. Und wenn wir den Erzählungen Glauben schenken, haben die allermeisten Menschen hier in Namibia, egal welcher Hautfarbe, diese Situation akzeptiert.

Es geht um Menschlichkeit

Mir fällt es schwer, diese Erfahrungen einzuordnen. Aber es hat mir noch einmal ganz deutlich gezeigt, wie sehr es auf die Perspektive ankommt. Aus Europa kommend hat man eine klare Vorstellung was gut und richtig ist. Mittags steht die Sonne immer im Süden und alle Rassisten sind Vollidioten. Aber hier, auf der anderen Seite des Äquators, sind die Dinge plötzlich nicht mehr so klar. Mittags steht die Sonne hier im Norden (ja, ist wirklich so) und es macht überhaupt keinen Sinn, den Farmern ihre 30 Jahre alten Dieselfahrzeuge zu verbieten oder den Fleischkonsum. 

Ein paar Grundsätze sind jedoch auch hier unverrückbar. Ein freundliches und respektvolles Miteinander. Eine nachhaltige Lebensweise im Einklang mit der Natur. Gegenseitige Unterstützung und Verständnis. Das sind die Grundlage für ein lebenswerte Gesellschaft und eine schöne Zukunft. Erst wenn wir das dauerhaft hinkriegen, werden wir auch alle anderen Probleme dauerhaft lösen. 

PS: Offensichtlich bin ich kein Namibia-Experte und alle Gedanken beruhen lediglich auf den wenigen Gesprächen mit unseren Gastgebern und Menschen, die wir hier getroffen haben. Und es sind nur unvollständige Teilaspekte. Man könnte zu jedem dieser Themen noch viel mehr recherchieren und schreiben. Aber da ich keine Ahnung habe, ob das überhaupt jemanden interessiert, belasse ich es jetzt einfach mal dabei. Wer mehr Details möchte, kann sich gerne einfach melden.

Mineralstoffe an der Wasserstelle werden aufgefüllt.
Hyänenkot
Braai mit Oryx-Steak


Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

Kürzlich erschienene Beiträge

Die Future Proof Company

Wie man die digitaleTransformation nutzt, um ein echtes New-Work-Startup zu gründen

E-Book "MENSCHpunktNULL" kostenlos herunterladen