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#TravelersForFuture - Reisen, Klimaschutz und das schlechte Gewissen

Gregor Ilg
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Schön Reisen
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20.9.2019

20. September 2019. Der Tag an dem weltweit Millionen Menschen für Umweltschutz und eine lebensfähige Zukunft auf die Straße gehen. #FridaysForFuture #ScientistForFuture #ParentsForFuture #EntrepreneursForFuture #Klimastreik #FFF #ExtinctionRebellion. 

All das ausgelöst durch Greta Thunberg, ein 16-jähriges, schwedisches Mädchen, welches konsequent nach ihren Überzeugungen gehandelt hat. Sie wurde ignoriert, sie wurde angefeindet, sie wurde gefeiert. Und heute steht ihr Name für konsequenten Umweltschutz und einen damit verbundenen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel.

Viele verschiedene Bewegungen sind daraus entstanden. Es fällt schwer zu unterscheiden, welche Bewegung genau welche Forderungen hat. Und wichtiger noch, für welche konkreten Lösungen sie stehen. Aber zumindest die Kernbotschaft ist klar. Sie alle setzen sich mit Umweltpolitik auseinander. Der Umweltschutz hat viele Facetten. Müll trennen. CO2 einsparen. Bewusste Ernährung. Nachhaltige Nutzung von Ressourcen. Reparieren statt wegwerfen. Achtsamer Umgang mit sich selbst und der Umwelt. 

Und wir? Was machen wir? Es gibt einen Hashtag, den ich noch nicht gefunden habe: #TravelersForFuture! Und das hat einen guten Grund. Wir sind als Familie seit vier Wochen in Namibia. Am Montag geht es weiter nach Malaysia. Natürlich mit dem Flugzeug. Wir trennen hier keinen Müll. Die nächste Recycling-Anlage ist 400km entfernt. Mülltrennung macht hier keinen Sinn. Wir essen fast täglich Fleisch. Es gibt kaum Alternativen. Aber immerhin ist es Bio. Wir fahren mit einem gemieteten 4x4 Geländewagen durch das Land. Bei der Infrastruktur hier wäre man mit einem leichten Elektroauto aufgeschmissen. 

In den 11 Monaten, die wir unterwegs sein werden, fliegen wir insgesamt über 45.000 km. Wir werden zu viert 58.000 kg CO2 in die Atmosphäre pusten. Knapp 14.700 kg pro Person. Die globale Staatengemeinschaft hat sich bis 2050 ein globales Emissionsbudget in Höhe von 750 Mrd. Tonnen CO2 gesetzt, um die Erderwärmung auf max. 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Das bedeutet, dass jedem Mensch ein klimaverträglicher Ausstoß von 2.300 kg CO2 pro Jahr zustünde, wenn wir dieses Ziel erreichen möchten. 

Auf unserer Weltreise werden wir allein durch Flüge unser gesamtes Budget an CO2 Emissionen für die nächsten 7(!) Jahre aufbrauchen. Das fühlt sich nicht gut an. Was bringt es, wenn wir in Deutschland auf Ökostrom wechseln, mit dem Fahrrad fahren und keine Wegwerfkaffeebecher benutzen? Dank unserer Weltreise zählen wir aktuell wohl zu den größten privaten Klimasündern nördlich des Mittelmeers. Kann ich ernsthaft behaupten, dass mir die Umwelt wichtig ist, wenn ich aktuell so wirklich gar nichts dafür tue, um daran etwas zu ändern? Nicht einmal streiken gehen können wir heute, da wir aufgrund unseres Sabbatjahres alle sowieso von unseren Jobs und von der Schule freigestellt sind (und es weit und breit keine einzige Klimademo in unserer Nähe gibt). 

Es ist für uns im Prinzip ein unlösbarer Konflikt. Kognitive Dissonanz nennt sich das (ich habe kürzlich im Transform Magazin darüber geschrieben). Als wir anfingen die Weltreise zu planen, war uns die ganze Konsequenz unseres Handelns nicht bewusst. Und später als wir die Tragweite abschätzen konnten, waren die Hälfte der Langstreckenflüge schon gebucht. Wir reden uns ein, dass wir uns vielleicht anders entschieden hätten und eher in und um Europa gereist wären, wenn wir uns vorher mehr mit der CO2-Thematik beschäftigt hätten. Aber meine Hand würde ich dafür nicht ins Feuer legen. Zu groß war die Sehnsucht danach, gemeinsam ferne Länder zu sehen. Mit unseren Kindern etwas über die Welt zu lernen. Sich ins Abenteuer zu stürzen.

Sonnenuntergang am Atlantik


Und nun versuchen wir irgendwie unser Handeln zu rechtfertigen. Wir glauben, dass Klimaschutz in erster Linie eine Einstellungssache ist. Es hilft unseres Erachten nicht allein, sich selbst zu geißeln, indem man alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens verweigert. Nur noch streng vegan lebt, obwohl man Fleisch liebt. Zerknirscht jeden morgen eine Stunde früher aufsteht, um mit dem Fahrrad in die Stadt zu pendeln statt mit dem Auto. Oder eben sich die Fernreise versagt und stattdessen zum zehnten Mal in folge in den Sommerferien an die Ostsee fährt. 

Stattdessen geht es darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, was wir an unserer Welt und unserer fortschrittlichen Gesellschaft haben. 

Wer das Klima schützen möchte, muss in erster Linie erst einmal Menschen mögen. 

Denn seien wir mal ehrlich. Das Klima hat unseren Schutz nicht nötig. Die Erde interessiert es herzlich wenig, was mit der Menschheit passiert. Was wir also eigentlich schützen wollen, ist unseren Lebensraum. Und das nicht einmal unbedingt nur für uns selber. Alle, die älter sind als 30 und in Europa leben, haben vermutlich ganz gute Chancen noch einigermaßen unbeschadet aus der Nummer hier rauszukommen. Das heißt alle, die sich für den Klimaschutz einsetzen, setzen sich auch und vornehmlich für andere ein. Für Menschen in Ländern, die von den Auswirkungen des Klimawandels am stärksten betroffen sein werden. Und für die eigenen Kinder und Enkel. 

Das tut man nur, wenn man Menschen grundsätzlich mag. Vielleicht gibt es ein paar Klimaschützer, denen die Menschen egal sind. Denen es nur um die Sache geht. Vielleicht auch ein paar Tierliebhaber, denen die vielfältige Fauna am Herzen liegt. Aber die alleine werden keine nachhaltige Veränderung der Gesellschaft bewirken. Denn Mülltrennung, Ökostrom und nachhaltige Landwirtschaft sind nur die Symptome. Die Grundlage ist eine Überarbeitung unserer Werte und der Regeln unseres Zusammenlebens. Was ist wirklich wichtig im Leben? Um die Antworten darauf zu finden, brauchen wir Menschen, die Menschen mögen. Menschen die verstehen, was es zu schützen gilt und warum.

Deshalb möchten wir diese Reise nutzen, um Menschen kennenzulernen. Wir möchten unseren beiden Töchtern zeigen, was es heißt, auf dieser Welt zu leben. Wo wir herkommen. Was es Schönes zu entdecken gibt. Aber auch welche Herausforderungen bestehen. In Namibia haben wir gelernt, was es heißt, mit wenigen Millilitern Regen pro Jahr eine Farm zu betreiben. Wie schwer es ist für Mensch und Tier zu überleben, in einer Umgebung, in der es aufgrund der anhaltenden Dürre kaum Nahrung gibt. Wie Menschen ohne fließend Wasser und feste Behausungen leben. Warum sie 360 Tage im Jahr arbeiten, nur um die eigene Existenz zu sichern. Und wie wahnsinnig beeindruckend die Artenvielfalt sein kann, wenn die Natur vor der Ausbeutung durch die Menschen beschützt wird. 

Rinder auf der Gamis Farm
Wasserloch Etosha Nationalpark


Außerdem haben wir in Vorbereitung auf die Reise und auch jetzt sehr viel über uns selbst gelernt. Wie wir mit Konflikten umgehen. Welche Rolle die Medien in unserem Leben spielen. Und wie wichtig uns soziale Kontakte und Freundschaften auch über 1.000km hinweg sind. Ich nehme diese Reise als Anlass, um über unsere Erfahrungen zu berichten. Um bei uns und bei unseren Kindern (und hoffentlich bei den Lesern dieses Blogs) das Verständnis dafür zu festigen, warum wir unsere Welt so wie sie ist wertschätzen und schützen sollten. Um damit die Grundlage zu schaffen, für einen ehrlichen, intrinsisch motivierten und optimistischen Umweltschutz.

Auch wenn wir noch am Anfang dieser Reise stehen, haben wir einen ersten kleinen Schritt unternommen. Wir kompensieren die 58 Tonnen CO2-Emission, die durch unsere Flüge entstehen, über Atmosfair. Insgesamt kostet uns das 1.370 Euro extra. 1.370 Euro, die unser Budget einschränken. Die dazu führen, dass wir bei Unterkünften und Lebensmitteln sparen müssen. 1.370 Euro die die Welt nicht retten, aber die uns regelmäßig daran erinnern, dass das, was wir tun, ein Luxus ist, der nicht ohne Preis daher kommt. Wir hoffen sehr, dass der Gewinn, den wir durch die Erfahrungen für uns und unsere Kinder erzielen, diese Kosten überwiegt. Und wir werden mit allen Mitteln versuchen, den ökologischen Kredit, den wir uns einfach genommen haben, in den nächsten Jahren durch eine achtsame und nachhaltige Lebensweise zurückzuzahlen.

Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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