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Sprachnachrichten - eine überraschende und leicht irritierende Erkenntnis

Gregor Ilg
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Schön Reisen
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20.11.2019

Was für ein bescheuerter Trend! Sprachnachrichten! Sind die Menschen jetzt sogar zu faul zum Tippen? Erst T9. Dann die Autokorrektur. Dann Spracherkennung. Und jetzt das. Jetzt wird nicht einmal mehr falsch geschrieben. Jetzt wird gar nicht mehr geschrieben. 

Wo sollen sie denn herkommen, unsere großen Dichter und Denker? Die wortgewandten Schriftsteller? Wenn alle nur noch in ihr Handy reinquatschen. Irgendwann haben wir gar keine schriftliche Kommunikation mehr. Erst haben E-Mails und Kurznachrichten Briefe und Telefonate ersetzt. Und jetzt kommen die Sprachnachrichten. Und da brauchen wir uns nichts vormachen. Sprachnachrichten sind ja quasi auch nur Telefonate, bei denen keiner dazwischen quatscht. Die schriftliche Kommunikation wurde einfach rausgekürzt.

Also wenn wir schon den Untergang des Abendlandes thematisieren, dann lasst uns doch bitte über die wirklich ernsten Probleme sprechen. Und nicht darüber, wer welche Kopfbedeckung trägt. 

Und schlimmer noch, als die Tatsache, dass immer mehr Menschen unstrukturierte Monologe losschicken, ist ja die Tatsache, dass immer mehr Menschen diese unstrukturierten Monologe anhören müssen. Was ist wenn man gerade in der S-Bahn sitzt und keine Kopfhörer dabei hat? Oder im Meeting? Eine geschrieben Kurznachricht könnte man fix mal lesen und zur Not auch gleich beantworten. Erfahrene “Unter-dem-Tisch-mit-einer-Hand-Tipper” konnten so ganze Beziehungskrisen während einer Mathestunde überwinden. 

In der S-Bahn hingegen in sein Handy reinsprechen. Mit dem Mikrofon so komisch vor dem Mund, als würde man gerade in ein Marmeladenbrot reinbeißen wollen. Für aufgeklärte Menschen mit einem Rest von Selbstachtung, ist das nichts weniger als eine intellektuelle Bankrotterklärung. In den Augen der Mitreisenden könnte man nicht mehr Missmut hervorrufen, wenn man schmatzend einen Döner mit Knoblauchsoße, Zwiebeln und extra scharf in sich reinschaufeln würde.

Das war zumindest meine Meinung, bevor wir Deutschland für mehrere Monate den Rücken gekehrt haben. Jetzt fernab aller Freunde und Verwandten hat sich das Bild ein wenig geändert. Als wir noch in Berlin waren, habe ich mit Erschrecken wahrgenommen, wie sich das Phänomen der Sprachnachrichten auch in meinem Umfeld immer weiter ausbreitete. Da wurden teilweise nicht nur ein paar knackige Informationen ausgetauscht. Nein, teilweise waren diese Nachrichten 2, 3 oder sogar 5 Minuten lang. Wer will sich das anhören? Und vor allem wann? So viel Zeit hat doch keiner. Und wenn man dann die wichtigsten Infos heraus extrahiert hatte, dann musste man sich die auch noch ganz genau einprägen. Denn einfach mal kurz nachlesen ging nicht. Hatte man vergessen, dass der genau Treffpunkt für den abendlichen Kinobesuch bei 3 Minuten 48 Sekunden mitgeteilt wurde, dann musste man sich die ganze Nachricht noch einmal anhören. Wie kundenunfreundlich ist das denn? Natürlich würde ich die Empfänger von Sprachnachrichten nicht grundsätzlich als “Kunden” bezeichnen, aber ich denke, das Prinzip wird klar. 

Gedanken schweifen lassen

Und wie sieht das heute aus? Nunja. Ich habe gerade ein 33-minütige Sprachnachricht verschickt. Und es handelte sich dabei nicht um einen dringenden Ausnahmefall. Ich musste nicht etwa in aller Ausführlichkeit einen seltenen Krankheitsverlauf inklusive Symptomen, Anamnese und Differentialdiagnose erläutern, um die dringend notwendige Hilfe aus der Heimat zu erhalten. Nein, ich habe lediglich ein paar völlig belanglose Begebenheiten aus unserem Reisealltag zum besten gegeben. Inklusive langen Pausen. Versprechern. Wiederholungen und Nachfragen, auf die es offensichtlich keine direkte Antwort geben würde.

Seit wir unterwegs sind, schicke ich ungefähr jeden zweiten Tag Sprachnachrichten. Zugegebenermaßen sind nicht alle 30 Minuten lang. Aber kürzer als zehn Minuten sind die wenigsten. Und nicht nur ich handhabe das so. Auch Franzi zieht sich regelmäßig zurück, um ausführlich Bericht zu erstatten.. 

Wir schicken Sprachnachrichten an unsere Eltern, Geschwister und unsere besten Freunde. Und nun könnte man meinen, dass diese vielleicht nur deshalb so lang ausfallen, weil wir in der weiten Welt unterwegs sind und entsprechend viel zu erzählen hätten. Aber auch die Antworten, die wir zurückbekommen, sind nicht viel kürzer. Unsere Sprachnachrichtspartner haben sich angepasst und berichten ebenfalls in aller ausführlichkeit aus ihrem Alltag. 

Und was soll ich sagen: ich finde es großartig. Ich kann es fast nicht glauben, wie lange ich mich so sehr gegen diesen Kommunikationskanal gewehrt habe. Es gibt einige Aspekte, die ich erst richtig zu schätzen gelernt habe, seit ich nicht mehr Teil des durchgetakteten Hamstrads im Berliner Arbeitsalltag bin. 

Drei große Vorteile

Niemals hätte ich mir vorstellen können, nach Arbeit, Familie und Hobbys auch noch eine halbe Stunde oder länger in mein Handy reinzumonologierisen. Und irgendwann später auch noch die Antwort abzuhören. Aber jetzt würde ich auch in Zukunft nicht mehr drauf verzichten wollen.

Was genau ist es, das mich zum Sprachnachrichtenverfechter gemacht hat? Es sind im wesentlichen drei Punkte. Der erste große Vorteil liegt auf der Hand. Sprechen geht schneller als Schreiben. Je mehr man berichten möchte, desto leichter ist es, einfach drauf los zu quatschen, anstatt mühsam geschliffene, grammatikalisch und orthografisch einwandfreie Sätze zusammenzuschustern und diese dann mit Emojis zu garnieren, damit jede ironische Anspielung auch als solche verstanden wird. 

Der zweite große Vorteil sind die emotionalen Nuancen. “Der Termin lief ja super” geschrieben als Kurznachricht, lässt viel Interpretationsspielraum. Kann super gewesen sein. Kann aber auch knapp an einer Vollkatastrophe vorbeigeschrammt sein. Ohne Emojis oder erklärende Ergänzungen, lässt sich das nicht einwandfrei feststellen. An der Stimme kann man aber sehr genau erkennen, wie ein Satz gemeint ist. Anhand der feinen Zwischentöne lässt sich ein viel genaueres Bild ablesen. Zum Beispiel: “Von außen betrachtet war der Termin glaube ich echt ganz gut, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das genauso sehe. Aber ich denke alles in allem kann ich ganz zufrieden sein.”

Der dritte große Vorteil der Sprachnachrichten ist das, was mich bei Telefonaten irgendwann extrem genervt hat. Die Flexibilität. Wenn jemand anruft, muss man alles stehen und liegen lassen und sich voll auf den Anrufer einstellen. Egal ob die Situation gerade passt oder nicht. Eine Sprachnachricht hingegen kann ich genau dann abhören, wenn ich dazu in der Stimmung bin. Ich kann es mir auf der Couch gemütlich machen, joggen gehen oder nebenbei die Wohnung aufräumen (nicht dass ich das machen würde, aber ich könnte). 

In jedem Fall nehme ich mir die Zeit dafür und bin in der richtigen Stimmung. Und ich kann mich voll aufs Zuhören konzentrieren. Ich muss nicht die ganze Zeit überlegen, was ich denn jetzt Schlaues dazu zu sagen habe. Oder welche Frage jetzt passen könnte. Und wenn ich doch gedanklich abschweife, spule ich einfach ein Stück zurück. Manchmal mache ich mir sogar eine Notiz, wenn ich einen Punkt interessant fand und ich später in meiner Antwort darauf eingehen möchte. 

Und wenn ich mir die Nachricht einmal oder vielleicht sogar ein zweites Mal angehört habe, kann ich selbst entscheiden, wie ich die Antwort gestalten möchte. Das geht mittlerweile soweit, dass ich meine eigenen Sprachnachrichten vorbereite. Manchmal suche ich Songzitate raus, um einen witzigen Einstieg zu haben. Oder ich recherchiere einen Sachverhalt, den ich interessant fand. Und dann nehme ich mir so viel Zeit wie ich will. Ich muss nicht  von Gedanken zu Gedanken hetzen in der Angst, dass ich unterbrochen werde und dann vielleicht etwas vergesse. Ich kann auch mal eine Denkpause einlegen oder etwas noch einmal aus einer anderen Perspektive beleuchten und dabei meine Gedanken sortieren. 

Mittlerweile weiß ich, dass meine Sprachnachrichtspartner das nicht schlimm finden. Ich habe oft genug nachgefragt, ob ich mich kürzer fassen soll. Ob die Leute es langweilig finden, wenn ich so viel und so unstrukturiert daher erzähle. Aber sie sagen, es gefällt ihnen. Sie hören sich das gerne an und fühlen sich mir näher. Und ich glaube ihnen, weil es mir umgekehrt genauso geht,.

Einigen Freunden, welche ich in Deutschland nur durchschnittlich einmal pro Monat persönlich gesehen habe, fühle ich mich durch die regelmäßigen Sprachnachrichten heute viel näher als früher. Und das obwohl jetzt 20.000 km zwischen uns liegen statt 20. 

Persönliche Podcasts

Meine Meinung zu Sprachnachrichten hat sich in den letzten Monaten um 180 Grad gedreht. Ich bin ein großer Fan. Eine Sprachnachricht zu bekommen, ist für mich wie ein ganz privater Podcast. Ich tauche für einen kurzen Moment in das Leben der anderen ein. Nur dass es nicht irgendwelche Comedians oder Journalisten sind, die über Fußball, Politik oder kaputte Steckdosen sprechen. Stattdessen sind es Leute, die ich gern habe, die mich ein bisschen an ihrem Leben teilhaben lassen und von ihren Wochenendausflügen, Stress auf der Arbeit und kaputten Steckdosen erzählen.  

Das ist für mich eine unerwartete Bereicherung und ich hoffe sehr, dass sich das nicht ändern wird, wenn wir wieder zurück sind. Aber die Tatsache, dass ich nicht nur lange Sprachnachrichten versende sondern auch lange Sprachnachrichten empfange, macht mir Hoffnung, dass auch ich es schaffen werde, diese neue Tradition dann künftig in meinem Arbeitsalltag zu integrieren. Das heißt allerdings nicht, dass ich nicht doch auch hin und wieder eine Kurznachrichten schicken werde, wenn ich beispielsweise einfach nur Bescheid geben möchte, wann wir uns an welchem Kino treffen.

Und ihr!? Meldet euch gerne mal, wenn ihr ein paar Minuten Zeit habt. Per Sprachnachricht. Würde mich freuen, von euch zu hören.


Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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