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Mein schlimmster Tag auf Weltreise (bis jetzt)

Gregor Ilg
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Schön Reisen
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14.12.2019

Es war Anfang Oktober. Der 43. Tag unserer Weltreise. Der zweite Tag auf Langkawi. Wir waren nach einem Monat in Namibia nun seit eineinhalb Wochen in Malaysia. Wir hatten die ersten Tage in Kuala Lumpur verbracht und dann einen Zwischenstopp in Georgetown auf der Insel Penang eingelegt. An die Zeitverschiebung von immerhin 6 Stunden hatten wir uns gewöhnt und auch der erste Kulturschock bedingt durch Klima, Kultur und Religion war überstanden. Dass zahlreiche Frauen in diesem muslimisch geprägten Land Burka oder Kopftücher trugen, überraschte uns mittlerweile genauso wenig wie der Muezzin, der uns zwischen 6 Uhr morgens und 22 Uhr Abends mit seinen durch moderne Lautsprechertechnik verstärkten Gesängen beglückte. Wir hatten Grab - das asiatische Uber -  als verlässliches Transportmittel für uns entdeckt und unsere ersten Erfahrungen mit der hiesigen Esskultur gemacht. Immerhin wussten wir nun, dass “not spicy” auf malaysisch heißt “bringt Europäer nicht um, kann aber zu Kreislaufproblemen und Schweißausbrüchen führen”.

Alles gut soweit könnte man meinen. Aber anscheinend, hatte ich mich zu sicher gefühlt. Nach einer entspannten dreistündigen Fährfahrt von Penang nach Langkawi, kamen wir gut erholt in unserem Bungalow direkt am Black Sand Beach an. Wir wurden sehr herzlich von unseren Gastgebern empfangen, die uns eine kurze Einweisung gaben und uns dann erst einmal uns selbst überließen.

Der Bungalow war wirklich schön gestaltet. Bunte Fensterscheiben. Sehr offen und luftig. Große Ventilatoren und Moskitonetze über den Betten. Außerdem ein direkter Zugang zum Strand. Zum Haus unserer Gastgeber waren es nur ein paar Schritte. Dort gab es einen Hund und einen Pool. Beides durften unsere Kinder mit benutzen. Wir hatten den Bungalow für gut zwei Wochen gemietet und freuten uns auf die entspannte Zeit nach dem Reisestress der letzten Tage.

Zu Beginn waren wir alle noch etwas unsicher. Das kannten wir mittlerweile von unseren Anreisetagen. Wir brauchen üblicherweise eine gewisse Zeit, um uns zurechtzufinden. Die erste Nacht verlief recht entspannt und am nächsten Tag führte uns unsere Gastgeberin ein wenig im Dorf herum. Wir schauten uns die kleinen malaysischen Lebensmittelmärkte und die zahlreichen Garküchen und Restaurants an. Das Angebot war nicht vergleichbar mit Deutschland, aber wir fanden frisches Obst und ein paar Grundnahrungsmittel, so dass wir nicht verhungern würden. 

Schlaflose Nacht

Und dann kam die zweite Nacht. Man muss dazu sagen, dass der Bungalow etwas ungewöhnlich geschnitten war. Es gab eine Küche mit Wohnzimmer, an die ein kleineres Schlafzimmer anknüpfte, welches nur durch ein Rollo abgetrennt wurde. Das Schlafzimmer hatte ein eigenes Bad, welches jedoch zur Hälfte im Freien lag. Hier sollten unsere Mädels schlafen. Das Elternschlafzimmer lag auf der anderen Seite des Bungalows und konnte nur über die Terrasse betreten werden. Die Türen waren teilweise recht provisorisch verankert und man konnte den Bungalow nicht abschließen. 

Als wir nun in unserem Bett lagen, in dieser völlig fremden Umgebung, unsere Kinder ganz alleine am anderen Ende des nicht verschließbaren Bungalows, war mir schon ein wenig mulmig. Meine Ängste waren offensichtlich völlig irrational. Immerhin leben die einheimischen Familien in weitaus weniger luxuriösen Behausungen und machen sich auch keine Sorgen. 

Aber als sicherheitsbedürftiger Westeuropäer aufgewachsen in dem Wissen, dass jede nicht abgeschlossene Tür automatisch eine direkte Einladung zum Einbruch ist, konnten mich selbst die Beteuerungen unserer Gastgeber, dass hier in den gesamten 9 Jahren, die sie auf der Insel wohnten, nie etwas Ernstes passiert sei, nicht beruhigen. 

Irgendwann schlief ich dann doch völlig übermüdet ein, bis gegen 3:00 Uhr morgens ein veritables Gewitter über uns hereinbrach. Dass es während der Regenzeit in Malaysia durchaus auch mal regnen kann, war keine Überraschung. Auch nicht dass das durchaus auch mal nachts passieren kann. Aber wie laut so ein Gewitter ist, wenn man sich in einem relativ durchlässigen Strandbungalow mit Wellblechdach befindet und wie unheimlich Blitze durch gefärbte Glasscheiben hindurch aussehen und wie viel Sorgen man sich um seine Kinder macht, wenn diese getrennt von einem am anderen Ende des quasi offenen Bungalows schlafen, darauf hat mich keiner vorbereitet.

Und so lag ich geschlagene drei Stunden wach, immer mit dem Impuls, doch mal schnell rüber zu gehen, um zu schauen ob alles in Ordnung ist. Verbunden mit der Überzeugung, dass die Sorge völlig unnötig ist und ich mich mal nicht so haben sollte. 

Um mich abzulenken begann ich damit, im Internet zu recherchieren. Und jeder, der in einer ähnlichen Situation schon einmal in den Tiefen von Google versunken ist, weiß, wohin das führt.  Ich fing also an, mir alle möglichen Blogartikel über das Leben in Malaysia und die geplante Weiterreise nach Thailand durchzulesen. Von den gefährlichen Tieren, die es hier gibt, - ja in Malaysia gibt es Giftschlangen, Skorpione und Tiger - bis hin zu Piraten vor der Küste von Borneo. Piraten! Keine große Einschlafhilfe während mitten in der Nacht draußen das Gewitter tobt. 

Als das Auswärtige Amt mir über seine Webseite auch noch mitteilte, dass die von uns geplante Reiseroute nach Koh Phangan mit dem Bus durch ein von terroristischen Anschlägen frequentiertes Gebiet Thailands führte, war es endgültig um meinen Schlaf geschehen. 

Irgendwann kurz nach Sonnenaufgang, als der Muezzin seine ersten Gebete sang, bin ich dann doch eingeschlafen. Aber tagsüber war ich entsprechend gerädert und eigentlich zu nichts zu gebrauchen.

EU-Richtlinien und Handy-Crash-Test

Das änderte jedoch nix daran, dass wir Einiges zu erledigen hatten. Wir mussten uns einen Mietwagen besorgen und irgendwie an Bargeld kommen, da wir es versäumt hatten am Flughafen genügend abzuheben und es hier weit und breit keinen Geldautomaten gab. Außerdem wollte ich nach meinen nächtlichen Recherchen entgegen aller guten Vorsätze nun doch einen Flug buchen, um die Busreise durch unsicheres Gebiet zu vermeiden.

Den Vormittag verbrachte ich also völlig übermüdet mit der Suche nach Flügen für unsere Weiterreise. Irgendwann hatte ich dann etwas Passendes gefunden. Es waren nur noch 6 Sitze verfügbar. Also wollte ich möglichst schnell buchen. Aber so einfach ging das nicht. Die asiatische Webseite war - Überraschung, Überraschung - nicht auf die neue PSD2-EU-Richtlinie angepasst. Vier verschiedene Kreditkarten. Mit keiner war eine Buchung möglich. Eine Stunde vergeblich mobile Daten verschwendet (ja, auch das WLAN funktionierte an diesem Tag nicht). Ohne Ergebnis. Wir entschieden, dass wir den Flug einfach direkt am Flughafen buchen würden.

Da mussten wir sowieso hin, weil unsere Gastgeberin uns inzwischen einen Mietwagen organisiert hatte, den wir dort abholen sollten. Kein Problem. Einfach per Grab für 20 Ringgit (ca. 5€) eine Fahrgelegenheit zum Flughafen organisieren, Auto abholen, Flug buchen und wieder zurück. Wir waren ja erfahren Reisende. Das sollten wir entspannt hinkriegen.

Weit gefehlt. Es war kein Grab Fahrer bereit, uns vom anderen Ende der Insel abzuholen. Trotz mehrfacher Versuche und kontinuierlicher Preissteigerung konnten wir niemanden finden. Wir brauchten eine Alternative. In der Hoffnung an der Hauptstraße im Dorf vielleicht ein Taxi zu finden, machten wir uns auf gut Glück zu Fuß auf den Weg. 

Nach etwas 300 Metern entdeckten wir zwei Taxis, die vor einer Wohnhütte rumstanden. In unserer Verzweiflung (die vereinbarte Abholzeit am Flughafen würden wir nicht einmal annähernd schaffen) gingen wir also auf den Hof und störten eine malaysische Familie beim Mittagessen mit der Frage, ob sie uns vielleicht zum Flughafen bringen könnten. 

Eine freundliche Dame sprang schnell auf, unterzog das Taxi einer schnellen Grundreinigung und bot an, uns für 45 Ringgit (also den doppelten Preis) zum Flughafen zu fahren. Wir nahmen dankend an. 

Nach einem Viertel der Strecke fiel mir plötzlich ein, dass man ja einen Führerschein benötigt, um ein Auto mieten zu können. Doch sowohl meiner als auch Franzis Führerschein lagen ganz entspannt in unserem unabgeschlossen Bungalow im Nachttischschränkchen. Ausgeschlafen hätte ich die bestimmt nicht vergessen.

Also baten wir die Dame, noch einmal kurz umzudrehen. An der Unterkunft angekommen, sprang ich aus dem Taxi, holte die Führerscheine und sprang gekonnt wieder auf den Beifahrersitz. Um Zeit zu sparen, zog ich noch im Sprung die Beifahrertür zu. Es knallte dumpf und die Tür sprang wieder auf. In der Eile war mir mein Handy aus der Tasche gerutscht und ich hatte es mit nahezu perfektem Timing mit der Tür im Türrahmen eingeklemmt.   

In diesem Moment war ich wahnsinnig froh, dass ich für die Reise auf Huawei umgestiegen war. Bei meinem iPhone wäre sofort das komplette Display gesprungen. So hatte ich glücklicherweise nur eine unschöne Delle am Rand. Nach einem ersten schnellen Check, konnte ich keine größeren sonstigen Schäden feststellen. Aber das mein Handy bereits nach dem ersten Reisemonat ernsthafte Blessuren davon getragen hatte, machte den Tag nicht besser.

Wie dem auch sei. Wir fuhren also zum Flughafen. Die Übergabe des Mietwagens verlief dann sehr unkompliziert. 700 Ringgit in bar und wir hatten für die restlichen 12 Tage unseres Urlaubs einen süßen, roten Kleinwagen. An den Linksverkehr waren wir dank Namibia schon gewöhnt, so dass die Autofahrerei zumindest kein großes Problem darstellen sollte. Trotzdem überließ ich Franzi die erste Fahrt. Mein Zustand war prädestiniert dafür, direkt mit einem Unfall zu starten.

Bevor wir jedoch zurück fuhren, wollten wir noch schnell die Sache mit dem Flug erledigen. Pustekuchen. In Langkawi am Flughafen gibt es Schalter für drei verschiedene Airlines. Wenn der Flug, den man braucht, nicht zufällig von einer dieser Airlines betrieben wird, dann ist man aufgeschmissen. 

Frustriert fuhren wir wieder zurück und überlegten schon, ob wir unsere werktätige Familie in Deutschland mit der Buchung beauftragen. Aber dann entschied ich mich, einen letzten Versuch zu unternehmen. Und siehe da, über die Webseite der Airline konnte ich dann doch zumindest den ersten Teilflug buchen. 

Da es gerade so gut liefe, wollte ich mich direkt noch um den Anschlussflug kümmern. Aber da verließ mich das Glück auch schon wieder. Die einzige Kreditkarte, die funktionierte, war aufgrund von verschiedenen anderen Unterkunftsbuchungen bereits am Limit. Die Karte neu aufzuladen würde zwei Werktage dauern. Da gerade Freitag war, also frühestens überüberüberübermorgen. Ich gab einfach auf. 

Friday Night Market

Der Abend verlief dann ziemlich versöhnlich. Wir sind zu Fuß zum Friday Night Market gegangen und haben dort das malaysische Flair genossen. Es gab ein umfangreiches Essensangebot. Teilweise nicht ganz unser Geschmack. Teilweise aber wahnsinnig lecker. Alles war voll und laut und tausend Gerüche zogen einem in die Nase. Aber mittlerweile konnten wir damit umgehen. Noch vor zwei Monaten wären wir mit dieser Situation überfordert gewesen. Insbesondere angesichts meines Gemütszustandes. Aber jetzt haben wir den Abend aus vollen Zügen genossen. 

Für die Nacht beschlossen wir, uns aufzuteilen. Ich legte mich also zu Elisa und Lenchen schlief bei Franzi. Damit fühlten wir uns beide schon sehr viel wohler. Und das Gewitter in der folgenden Nacht konnten wir schon fast genießen. 

Erste-Welt-Probleme

Nicht auf Anhieb ein Taxi gefunden, kleine Delle im Handy, Kreditkarte funktioniert nicht sofort. Klassische Erste-Welt-Probleme. Wie kann das der allerschlimmste Tag unserer Reise gewesen sein? Wir hatten bisher einfach ganz viele wirklich tolle Tage. Da reicht ein kleiner Ausreißer nach unten aus, um diesen Titel für sich zu beanspruchen. 

Und die Erlebnisse haben mir noch einmal vor Augen geführt, wie anstrengend es mitunter ist, mit unvorhergesehenen Situationen umzugehen. Das ist nicht nur hier auf Reisen so. Auch zu hause, waren die Tage die entspanntesten, wo man genau wusste, wie sie ablaufen würde. Ein Arbeitstag, an dem ein paar Routineaufgaben abgearbeitet werden mussten, erzeugte im Vorfeld sehr viel weniger Stress als zum Beispiel die Aussicht auf einen Kindergeburtstag mit sechs 5-jährigen. 

Auf Reisen wirkt sich dieser Stress noch einmal sehr viel stärker aus. Zu hause gibt es  zahlreiche feste Größen, über die ich mir keine Gedanken machen muss. Ich kenne mein Bett. Ich weiß, wo ich etwas zu Essen her kriege. Ich weiß, was meine Kinder mögen und was nicht und kann mich drauf einstellen. Hier auf Reisen, gibt es nur sehr wenige Konstanten. Jede neue Unterkunft ist eine neue Herausforderung. Wer schläft wo? Wo gehen wir einkaufen? Worauf muss man aufpassen? 

Als wir in Namibia waren, hat unser Gastgeber eine schwarze Mamba vor unserem Bungalow getötet. Für ihn war das keine große Sache, aber für uns war das eine ganz neue Situation. Nachts nicht ohne Taschenlampe raus. Schuhe anziehen. Schauen wo man hintritt. Das wäre für uns als Erwachsene allein schon nicht ganz einfach. Aber wenn man dann auch noch ständig auf der Hut ist, ob die Kinder mit der neuen Situation zurecht kommen, dann wird das mitunter wahnsinnig anstrengend.

Ich möchte an dieser Stelle überhaupt nicht klagen. Die Möglichkeit, ein Jahr auf Reisen sein zu können ist ein wahnsinniges Privileg, dass viele Menschen, die wir unterwegs treffen nicht haben. Wir leben in relativ sicheren Unterkünften, müssen uns nur um unsere eigene Versorgung kümmern und schauen, dass wir miteinander zurecht kommen. 

Mit Unsicherheiten zurechtkommen

Aber trotzdem ist das nicht immer einfach. Die ständige Unsicherheit, die fehlenden Rituale und Konstanten führen dazu, dass der kopf ständig beschäftigt ist. Mitunter raubt uns das die Leichtigkeit im Miteinander und manchmal sogar den Schlaf. Mittlerweile sind bereits fast vier Monate unserer Reise um und wir lassen uns auch nicht mehr durch jede Horrormeldung verrückt machen. Das Erdbeben in Laos, welches sein Epizentrum nur ein paar Kilometer von unsere Unterkunft entfernt hatte, haben wir gar nicht mitgekriegt. Und auch von den viel beschriebenen Touristenabzocken in Thailand blieben wir verschont. Uns fällt es mittlerweile sehr viel leichter mit Unsicherheiten umzugehen. Und wenn wir dann zurück in Deutschland sind, dann werden wir uns höchstwahrscheinlich nicht mehr so sehr stressen lassen, wenn mal eine U-Bahn ausfällt oder der Lieblingsbäcker geschlossen hat.  



Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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