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Reisen in Zeiten von Corona #2 - Quer durch die USA

Gregor Ilg
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Schön Reisen
|
14.5.2020

Richtung Michigan

Nach langem hin und her hatten wir uns Mitte März dafür entschieden, unsere Weltreise nicht abzubrechen und stattdessen in den USA zu bleiben. Unser Kompromiss zwischen Abenteuer und Vernunft bestand darin, nicht wie geplant die Westküste zu erkunden, sondern stattdessen gut 2.000 Meilen bis nach Michigan zu fahren, um dort bei einem alten Freund aus High School Zeiten und seiner Familie unterzukommen. Und so machten wir uns am Freitag, den 20 März vom Corona-Krisengebiet Los Angeles auf den Weg Richtung Osten.

 

Unsere erste Nacht verbrachten wir kurz vor der Grenze zu Nevada. Wir hatten keine Vorstellung davon wie die Situation auf den Campingplätzen in Zeiten von Corona sein würde. Von “alles wie immer” bis “nix hat mehr geöffnet” schien alles möglich. So waren wir positiv überrascht, dass hier 250 Meilen (ca. 400 km) von LA entfernt, Corona noch keine große Rolle spielte. Es gab einen freundlichen Hinweis auf die Social Distancing Maßnahmen, aber von Sorgen oder gar Panik war nichts zu spüren. Sogar der natürliche Pool gespeist durch die heißen Quellen war geöffnet und wurde von anderen Gästen freudig in Anspruch genommen.

Die einzigen, die die Lage mit einem weniger entspannten “Ich glaube, ich werde paranoid” kommentierten, waren ein paar deutsche Reisende auf einem Stellplatz direkt neben uns. Wir hätten gerne erfahren, was ihre weiteren Pläne waren und wie sie allgemein mit der Situation umgehen, aber wie es schien, hatten sie kein gesteigertes Interesse an sozialen Kontakten und so blieb es bei einem überraschten “Hallo, wo kommt ihr denn her?” auf dem Weg zum Badehaus. 

Am nächsten Morgen freuten wir uns über die herrliche Kulisse. Wir waren im Dunkeln angekommen und hatten von der Umgebung nicht mehr viel gesehen. Die steinigen Berge im Hintergrund und die bereits geschlossene High School direkt hinter dem Campingplatz bildeten einen kleinen Vorgeschmack auf unseren bevorstehenden “Road Trip” durch die Vereinigten Staaten. 

Da wir uns vorgenommen hatten, erst einmal ein bisschen voranzukommen, fuhren wir früh weiter und durchquerten Nevada in einem Rutsch. Abends landeten wir auf einem kleinen, leeren Campinglatz namens Bear Valley in Utah. Zu unserer großen Überraschung - einige von uns erfreut, andere schockiert - schneite es. Besonders wir Erwachsene hatten gedanklich bereits mit dem Winter abgeschlossen und waren so gar nicht auf Schnee vorbereitet. Aber unsere Mädels waren begeistert und sie tanzten freudestrahlend durch die dicken Schneeflocken.

So sehr wir uns über die Freude unserer beiden Schneeköniginnen amüsierten so ungemütlich fanden wir die Vorstellung, die nächsten Wochen von einem Schneesturm zum nächsten zu fahren. Die ersten beiden Nächte unterwegs hatten bei uns den Eindruck erweckt, dass man sich mit dem Wohnmobil trotz Corona einigermaßen frei bewegen konnte. Die Einkäufe bei Walmart waren aufgrund der deutlich reduzierten Anzahl an Kunden geradezu entspannt und ein Land wie die USA würde eher den Sozialismus ausrufen als die Tankstellen zu schließen. Um Benzin, Lebensmittel und einen Stellplatz mussten wir uns also keine Sorgen machen. Und mehr brauchten wir schließlich nicht. 

Die Rocky Mountains

Also überarbeiteten wir unsere Pläne erneut. Statt wie geplant die kürzeste Route im Norden durch Colorado und Kansas zu nehmen, entschieden wir uns nach ausführlicher Befragung unserer Wetter-App für eine etwas längere aber sehr viel südlichere Route durch Arizona, New Mexico, Texas und Oklahoma. Das bedeutet zwar mehr Meilen, aber immerhin sparten wir etwas Propangas, wenn wir nachts nicht immer heizen müssten. Positiv denken.

Dank dieser Planänderung entdeckten wir quasi aus Versehen eines der höchstwahrscheinlich größten Highlights unserer Reise. Die Rocky Mountains. Wir verbrachten eine Nacht auf einem wunderschönen kleinen Campground am Colorado River mit Blick auf die beeindruckenden Berge. Dort lernten wir ein sehr nettes Pärchen aus Nevada kennen. Da sie beide über 70 waren, achteten wir besonders darauf, immer angemessenen Abstand zu halten. Nur die beiden kleinen Hunde hatten scheinbar noch nichts von Corona gehört. Für unsere beiden Mädels war es Liebe auf den ersten Blick. Und irgendwann überwanden sie sich, und fragten von ganz allein auf englisch (!), ob sie die beiden Gassie führen dürften. Damit waren Fluß und Berge komplett vergessen. Die einzig wichtige Frage war nun, wer welche Hundedame wie lange herumführen durfte.

Während also unsere Mädels die Hunde beschäftigten (bzw. eigentlich umgekehrt) unterhielten wir uns mit unseren Camping-Nachbarn, Kolbe und Ernie. Und es stellte sich sehr schnell heraus, dass wir unsere Pläne erneut anpassen müssten. Es führte offensichtlich kein Weg daran vorbei, wenigstens einmal den Grand Canyon zu besuchen, wenn wir uns schonmal in der “Nähe” befanden. Alles andere wäre “Hochverrat” gewesen. Wir hatten gehört, dass die Nationalparks in den nächsten Tagen schließen würden. Also wenn nicht jetzt wann dann. So machten wir am nächsten Tag einen kleinen Schlenker von ein paar 100 Meilen und fuhren auf gut Glück in den Grand Canyon Nationalpark. Wieder überraschte uns ein Schneesturm und stellte uns vor die nächste schwierige Entscheidung.

Wir waren seit zwei Tagen in den Rocky Mountains unterwegs, hatten kein Internet, unsere Familien hatten nichts von uns gehört und wir wussten nicht, wie lang der Schneesturm anhalten würde. Sollten wir schnell weiterfahren und uns einen Campground in der Zivilisation suchen oder hofften wir auf besseres Wetter, um doch noch einmal einen ungetrübten Blick auf dieses Naturwunder werfen zu können? Wir entschieden uns für Variante B. Und wir sollten es nicht bereuen.

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, begrüßte uns strahlender Sonnenschein. Aus Angst, dass sich der Himmel wieder zuzieht, schlangen wir schnell ein paar Corn Flakes hinter und machten uns auf den Weg zu den Aussichtspunkten. Die wenigen anderen Besucher hielten vorbildlich Abstand voneinander. Und so konnten wir den Grand Canyon nun bei vollem Tageslicht und beinahe ungestört bewundern. Als Flachlandbewohner haben Berge auf uns grundsätzliche eine faszinierende Wirkung. Wir lieben den Anblick der Alpen im Sommer wie im Winter. Aber so etwas wie hier hatten wir noch nicht gesehen. Es war - in Ermangelung einer besseren Beschreibung - atemberaubend. Ein 446 km langer, bis zu 29 km breiter und 1,6 km tiefer Riss im Boden. Dieser Anblick lässt einen schon ein wenig demütig werden, angesichts dessen, was die sogenannte Krone der Schöpfung teilweise so veranstaltet. Auf der anderen Seite ist es wiederum ein durchaus erhebendes Gefühl wenn man ausnahmsweise mal den Vögeln auf den Kopf spucken könnte, statt umgekehrt. Haben wir natürlich nicht gemacht. Aber nichtsdestotrotz beglückwünschten wir uns im Minutentakt für unsere Entscheidung noch eine Nacht länger geblieben zu sein.

Reisealltag

Nachdem wir uns endlich satt gesehen hatten, machten wir uns wieder auf den Weg. Die nächsten Stationen brachten auch viele schöne Momente aber waren sehr viel weniger spektakulär. Wir fuhren die legendäre Route 66 (eigentlich die Interstate 40, welche die Route 66 in den 70ern ersetzt hatte, aber wer nimmt das schon so genau) entlang durch Arizona, New Mexico, Texas und Oklahoma. Unser Tagesablauf sah immer recht ähnliche aus. Gegen 8:30 Uhr aufstehen. Entspannt frühstücken. Gegen 11:00 Uhr Aufbruch zum nächsten Campingplatz. Ankunft meistens erst gegen 17:00 Uhr da wir entweder einen ausführlichen Zwischenstopp zum Einkaufen machten oder weil wir eine Zeitzone überschritten. Abends dann ein wenig entspannen. Den nächsten Stopp recherchieren. Ein paar Sprachnachrichten abhören oder einsprechen. Abendbrot. In der Regel Nudeln. Und wenn die Kinder es sich dann mit einem Hörspiel in ihrem Schlafbereich über der Fahrerkabine gemütlich gemacht hatten, saßen Franzi und ich häufig in unseren mäßig bequemen Campingstühlen mit einem Corona Seltzer und ließen den Tag Revue passieren. Oder wir machten uns Gedanken über unsere nächsten Schritte. 

Während der ganzen Zeit blieben wir immer in engem Kontakt mit Jill und Tim, unseren Freunden aus Michigan, um zu hören, wie sich die Lage entwickelt. In den Nachrichten war Michigan mit den drittmeisten Coronafällen zu diesem Zeitpunkt ein ausgewiesenes Krisengebiet. In dem Örtchen, wo Jill und Tim leben, war davon jedoch nicht viel zu spüren und so hielten wir weiter an unserem Corona-Ausweich-Plan fest.

Wir waren mittlerweile 10 Tage unterwegs und genossen das Leben “on the road”. Aus Deutschland hörten wir von immer strengeren Maßnahmen zu Kontaktbeschränkungen. Umso dankbarer waren wir, dass wir uns hier weitestgehend frei bewegen konnten. Mit relativ wenig Einschränkungen. Also wenn man davon absieht, dass wir unsere komplette Reise umschmeißen mussten. 

Aber natürlich blieben auch wir nicht völlig von den Auswirkungen dieser fiesen Pandemie verschont. Man konnte sich nicht einfach mit anderen Campinggästen auf ein Corona Light zusammensetzen. Da immer nur einer von uns bei Walmart einkaufen durfte, mussten die anderen gerne mal 1-2 Stunden auf dem Walmart Parkplatz warten. Viele der Nationalparks, Restaurants und andere Attraktionen waren mittlerweile geschlossen. So waren einige der Unternehmungen, die wir sonst vielleicht geplant hätten, schlichtweg nicht möglich. Immerhin sparten wir so ein wenig Geld, welches wir nun für Benzin und die zusätzlichen Meilen ausgeben konnten. 

Ehrlich gesagt kann man diese Punkte vermutlich nicht einmal mehr als Jammern auf hohem Niveau bezeichnen. Mit Blick nach Deutschland war es wohl eher unser schlechtes Gewissen, welches uns dazu brachte, wenigstens ein paar kleine Härchen in der Suppe zu finden, weil es uns in diesen für viele Menschen so schwierigen Zeiten nach eigener Wahrnehmung viel zu gut ging.

Friedlicher Meinungsaustausch

Immer wieder hatten wir herzliche und interessante Begegnungen mit den Einheimischen. Helen hatte sich so sehr gewünscht, dass wir in den USA auch einmal eine Pferdefarm besuchen. Wir hatten das fest eingeplant, aber Corona machte uns einen Strich durch die Rechnung. Wer möchte schon hustende Pferde haben? Trotzdem hielten wir auf der Fahrt  immer wieder Ausschau, ob wir nicht doch spontan einen Campingplatz in Pferdenähe fänden. Eines Tages war es soweit. Wir entdeckten ein paar Wohnmobile aufgereiht im Vorgarten einer Pferdefarm. Wir hielten an, entdeckten den Besitzer und fragten, ob wir bleiben könnten. Das war gar kein Problem. Ganz im Gegenteil.  Der Besitzer war gebürtiger Däne und freute sich über Besuch aus Europa. Er hatte hier eine Pferdezucht aufgebaut und zeigte uns mit nicht zu verhehlendem Stolz seine Anlagen. Wir erhielten direkt eine theoretische Einführung in die praktische Einführung von Pferdesperma. und durften uns die Stammbäume einiger lokaler Rennpferdberümtheiten ansehen. Unsere Mädels verbrachten den Nachmittag hingegen damit, die ca. 20 Pferde auf der Koppel zu füttern und alle Namen auswendig zu lernen. Als sie dann im Stall auch noch ein paar Katzenbabys entdeckten war es auch um Franzi geschehen. 

Ich selbst nutzte die Zeit um mit Hans aus Dänemark ausgiebig über das Leben in den USA, Kapitalismus, Corona, Sozialismus, Trump, die Demokraten und Countrymusik zu diskutieren. Unsere Meinungen gingen im Großen und Ganzen überall auseinander. Und trotzdem blieb das Gespräch herzlich, unterhaltsam und änderte so ungefähr gar nichts an der Einstellung des jeweils anderen. Obwohl, meine Meinung über Countrymusik habe ich in den letzten paar Wochen doch noch einmal überdacht. 

Insgesamt war das ein wirklich spannender Einblick in den “American Way of Life”  eines republikanischen Farmers in Oklahoma. Dieser spontane Zwischenstopp kam dem, was wir uns vorstellten, als wir vor fast zwei Jahren das Wohnmobil reserviert hatten, schon sehr sehr nahe. 

Coronafreie Zone

Gelegentlich führten gerade die Coronabeschränkungen zu überaus positiven Überraschungen. In Missouri hatten wir uns einen netten kleinen Campground an einem Fluß mitten im Nationalpark rausgesucht. Als wir ankamen wurden wir jedoch enttäuscht. Der Campingplatz war großartig. Nur leider geschlossen. Es war bereits gegen 16:00 Uhr und wir hatten keinen Alternativplan. Also bemühten wir Google Maps und schauten nach Campingplätzen in der Nähe. Es gab nur drei. Der erste war ebenfalls geschlossen. Mit leichter Panik in der Stimme riefen wir beim nächsten an. Es meldete sich eine Frau mit breitem Dialekt. Sie erklärte uns, dass sie aktuell nicht so gerne Gäste aufnehmen. Als sie fragte, wo wir herkämen, sagte ich vorsichtshalber “Deutschland” und nicht “LA”, welches ja ebenfalls ein Corona Krisengebiet war. Als ich erwähnte, dass wir am nächsten Tag weiterreisen würden, ließ sie uns bleiben, wenn wir die Gebühren einfach in bar in ihre Mailbox legten. 

Und so entdeckten wir den bis dahin schönsten Campingplatz der ganzen Reise. Ein wunderschönes Fleckchen Erde direkt am Big Shawnee Creek. Einem kleinen, klaren Bächlein. Hinter einer Pferdekoppel. Keine anderen Leute. Kein Internet. Dafür eine kleine Feuerstelle und die pure Idylle. Wir waren alle vier sofort verliebt. Gegen Abend kam die Besitzerin in ihrem Pickup Truck vorbei. Sie verließ ihr Auto nicht. Man merkte, dass sie sich um die Ansteckungsgefahr sorgte. Aber wir unterhielten uns sehr nett mit den gebotenen 6 Fuß Abstand und als wir spontan fragten, ob wir nicht doch ein paar Nächte länger bleiben könnten hatte sie keine Einwände. 

Wir blieben insgesamt vier Tage und genossen die Ruhe, die Abgeschiedenheit, die herrliche Natur und die Corona-Nachrichten-Pause. Die Mädels freundeten sich mit den beiden Hengsten Buddy und Rootbeer an. Und wir freundeten uns mit dem Sternenhimmel über dem allabendlichen Lagerfeuer an. Als wir uns dann doch wieder auf den Weg machten, um endlich das letzte Stück bis nach Michigan anzugehen, beschlossen wir, auf jeden Fall wiederzukommen, wenn es sich irgendwie einrichten ließe. Trotz Corona hatten wir die Besitzer, die Pferde und die Umgebung voll ins Herz geschlossen.

Aber zuvor stand noch das nächste große Abenteuer an. Camping im Garten bei jemandem, den ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Mitten im Krisengebiet. 




Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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