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Reisen in Zeiten von Corona #1 - Eine Woche in Los Angeles

Gregor Ilg
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Schön Reisen
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12.4.2020

Als die Bundesregierung am 17. März 2020 aufgrund der rapiden weltweiten Verbreitung der Viruserkrankung Covid-19 eine weltweite Reisewarnung aussprach, wäre es wohl die richtige Entscheidung gewesen, unsere Weltreise abzubrechen und sich umgehend einen Rückflug nach Deutschland zu suchen. Das haben wir nicht getan.

Bereits am 14. März hatte Donald Trump die Einreise aus Europa verboten. Am 13. März sind wir in Los Angeles gelandet. Wir waren die vorherigen zwei Monate in Florida und Costa Rica und kamen nach Ansicht der US-Regierung damit nicht aus einem Risikogebiet. Dennoch hatten wir uns auf eine stressige Einreise eingestellt. Als wir im Januar erstmalig auf dem nordamerikanischen Kontinent gelandet sind, war die Einreise in die USA über Fort Lauderdale in Florida eine einzige Geduldsprobe. Ganze 2,5 Stunden haben wir für den gesamten Einreiseprozess benötigt. In langen Schlangen standen wir dicht an dicht gedrängt mit zahlreichen Reisenden aus der ganzen Welt. Ein Szenario, welches heute wie aus einer anderen Zeit anmutet. 

Bei unserer zweiten Einreise in die USA waren wir nun gedanklich darauf vorbereitet, Ewigkeiten am Flughafen festzuhängen. Fieber messen, lange Befragungen, schriftliche Nachweise darüber, dass wir nicht aus Europa kommen. Mit allem hatten wir gerechnet. Aber stattdessen passierte das genaue Gegenteil. Um 13:15 sollten wir landen. Da die Winde gut standen, waren wir sehr viel früher da als gedacht. Der Flughafen war fast wie ausgestorben. Innerhalb von Minuten hatten wir die Passkontrolle und den Zoll passiert. Lediglich die zwei Äpfel, welche wir unterwegs nicht gegessen hatten, verzögerten den Prozess minimal. Wir mussten diese nämlich offiziell beim Zoll anmelden. Mit einem scherzhaften “Schmuggler” wurden wir durchgewunken. Selbst die Zollbeamten waren entspannt drauf. 13:10 standen wir vor dem Flughafen. 5 Minuten vor unserer offiziellen Ankunftszeit.

In den vier Wochen auf Costa Rica hatten wir vom Coronavirus nicht viel mitbekommen. Es gab hier nur eine Handvoll bestätigter Fälle in der Region rund um die Hauptstadt San Jose. Im Landesinneren war Corona kein Thema. Umso stärker trafen uns nun die Nachrichten, als wir uns abends im AirBnB mitten in Inglewood nach langer Zeit mal wieder ausführlich mit den sozialen Medien beschäftigten, In Deutschland wurden gerade alle Schulen geschlossen. In den USA wuchsen die Fallzahlen in New York und in LA dramatisch an. 

Einen Tag zuvor war unsere größte Sorge noch, ob wir in die USA einreisen könnten. Jetzt ging es plötzlich darum, ob wir überhaupt bleiben dürften oder wie wir im Zweifelsfall zurückkämen. Planmäßig sollten wir in einer Woche, am nächsten Freitag, unser Wohnmobil abholen, um damit dann in den kommenden acht Wochen die Westküste entlang nach Norden zu reisen. Diese sieben Tage Wartezeiten stellten sich nun jedoch als viel zu langer Zeitraum heraus, um in der sich ständig ändernden Situation sinnvolle Pläne zu machen.

Wir beschlossen, uns die Lage von Tag zu Tag anzuschauen. Mit der nicht immer so leicht umzusetzenden Vorgabe, eine angemessene Balance aus Panik und Leichtsinnigkeit an den Tag zu legen. 

Am ersten Tag - Samstag - machten wir lediglich einen kleinen Ausflug zum größtenteils recht leeren Manhattan Beach und gingen auf Empfehlung unserer Gastgeber abends noch in ein vietnamesisches Restaurant. Zwei Tage bevor alle Restaurants geschlossen wurden. Ein Einkauf bei WalMart ließ uns erstmalig die ganz konkreten Auswirkungen der Pandemie aus erster Hand erfahren. Ungewöhnlich leere Regale, ungewöhnlich viele Leute und weit und breit kein Klopapier. Aber alle waren freundlich und hielten respektvoll Abstand. 

Am zweiten Tag trafen wir uns mit Freunden, die seit zwei Jahren in LA leben. Wir waren uns unsicher, wie wir sie begrüßen sollten. Mit einer Umarmung, wie es der normale Reflex gewesen wäre. Mit einem Ellenbogen-Check, wie es hippe Politiker vorgemacht hatten. Oder mit einem fröhlichen “Hi, schön euch zu sehen” aus zwei Metern Entfernung. Da wir uns recht sicher waren, dass wir in der Costa Ricanischen Abgeschiedenheit keine Corona-Kontakten hatten, entschieden wir uns für Variante A und verbrachten dann gemeinsam einen sehr schönen Tag im Will Rogers State Park. Zwei Stunden wandern an der frischen Luft, was mit einem tollen Blick über die Stadt belohnt wurde. Scheinbar hatten auch andere die gleiche Idee, so dass der Park ungewöhnlich voll war. Dennoch wurde auch hier freundliches “Social Distancing” betrieben. 

Am dritten Tag besuchten wir eine beinahe ausgestorbene Mall, um uns noch mit den wichtigsten Dingen für unseren voraussichtlichen Wohnwagentrip einzudecken. Ein paar neue Hosen, Badelatschen, Leggings und Schlafanzüge für die Mädels. Als wir uns zum Abendbrot einen kleinen Snack im Restaurantbereich gönnten, wurden jedoch schon die Tische zusammengeschoben. Wir waren einige der letzten Kunden, die die Mall verließen, bevor sie komplett geschlossen wurde. Seitdem ist sie nicht wieder geöffnet worden.

Subway Dinner am Malibu Beach

In den nächsten Tagen besuchten wir noch den Laguna Beach und spazierten da unter strenger Einhaltung der Abstandsregeln ein wenig am Pazifik entlang. Und wir machten einen kleinen Ausflug um wenigstens einen kurzen Blick auf die Wahrzeichen von Hollywood zu werfen. Seit Jahren träumen wir von diesem Besuch. Es fühlte sich einfach nicht richtig an, die Stadt zu verlassen ohne ein Foto vom berühmten Hollywood Sign zu machen. Ein kurzer Abstecher zum Hollywood Boulevard, Bel Air gestreift und Abendessen von Subways am Malibu Beach (David Hasselhoff lässt grüßen). Die Traumfabrik im Schnellverfahren. 

Am Donnerstag kam dann die Hiobsbotschaft. LA ist im Lockdown. Die “Safer at Home” Anordnung untersagt es Menschen, ihr Haus zu verlassen. Außer für sogenannte “essential activities”. Es gab sehr konkrete Anweisungen, was alles dazu gehört. Einkäufe, Arztbesuche, Bauarbeiten. “Mit dem Wohnmobil rumfahren” gehört ganz offensichtlich nicht dazu. 

Am Freitag wollten wir unser Wohnmobil in Empfang nehmen. Aber würde der Verleiher überhaupt offen haben? Dürften wir einfach so durch Stadt fahren um es abzuholen. Und was dann? Würde man uns anhalten, beim Versuch die Stadt zu verlassen? Nachts um 1 lag ich da, malte mir die schlimmsten Szenarien aus und versuchte Alternativpläne zu entwickeln. War dies der Moment, an dem wir unsere Reise abbrechen und zurückfliegen müssten? 

Einen Tag zuvor war das noch gar keine Option gewesen. Wir hatten unsere Wohnung in Berlin untervermietet. Wir könnten natürlich bei der Familie unterkommen. Aber birgt das nicht auch Risiken? Was, wenn wir den Virus aus LA nach hause schleppen, um ihn  auf engstem Raum im Kreis der Familie zu verteilen? Wäre eine selbstverordnete quasi-Quarantäne im Wohnmobil nicht die bessere Option? Mit etwas Abstand ist es schon interessant, sich dazu beobachten, wie man rationale Argumente findet, um eine unterbewusst getroffene Entscheidung zu rechtfertigen. 

Da unser Plan A nicht mehr umsetzbar schien, hatten wir in den letzten Tagen immer mal wieder über eine andere diskutiert. Trotz aller Unsicherheiten könnten wir versuchen, das Wohnmobil zu bekommen, um damit nach Michigan zu reisen. Ein Freund, den ich vor 20 Jahren bei einem Austauschjahr kennengelernt hatte, wohnt dort mit seiner Familie. Wir hatten seit 8 Jahren keinen Kontakt, aber als ich mich bei ihm meldete, bot er mir innerhalb von wenigen Minuten an, dass wir mit dem Wohnmobil bei ihm Garten unterkommen könnten, bis sich die Lage beruhigt hat. Wenn wir tatsächlich in den USA blieben, dann wollten wir wenigstens nicht ganz auf uns allein gestellt sein. Das entsprach ganz und gar nicht unseren ursprünglichen Plänen. Michigan ist sehr viel weiter östlich und sehr viel weiter nördlich als das Gebiet, in dem wir uns bewegen wollten. Im April schneit es da auch gerne. Darauf waren wir nicht vorbereitet.

Darüber hinaus stellte sich die Frage, wie wir überhaupt nach Michigan kommen sollten, wenn der Wohnwagenverleih geschlossen hätte. Sollten wir dann versuchen, die 2.220 Meilen lange Strecke einfach auf schnellstem Wege mit unserem aktuellen Mietwagen zurückzulegen? 32 Stunden Fahrzeit. Wenn wir jeden Tag 12 Stunden am Stück durchziehen, könnten wir in drei Tagen da sein. Übernachten müssten wir spontan in irgendwelchen Motels. Falls diese noch offen haben. Tourismus gehört nicht zum “essentiel business”. Zur Not vielleicht im Auto übernachten. 

Falls wir doch irgendwie an unser Wohnmobil kämen, dann müssten wir trotzdem versuchen, Kalifornien so schnell wie möglich zu verlassen. Im Inneren des Landes war die Situation zu diesem Zeitpunkt noch sehr viel entspannter als an den Küsten. Die “shelter in place” Anordnung galt erst einmal nur für die Gebiete um Los Angeles und San Francisco. Private Campingplätze würden sicher nicht geschlossen werden. Manche Amerikaner leben in ihren Wohnmobilen. Die müssen ja auch irgendwo unterkommen. Und im Notfall kann man immer auch auf den Parkplätzen von WalMart übernachten. Die haben als große Lebensmittelhändler auf jeden Fall geöffnet. 

Mit diesen Gedanken schlief ich irgendwann gegen 3 Uhr morgens unruhig ein. Am nächsten morgen sah Franzi mir an, dass etwas nicht in Ordnung war. Wir mussten reden. Wir setzten die Mädels vor den Fernseher und begaben uns für eine Krisenbesprechung auf den Balkon. Wir mussten jetzt die Entscheidung treffen, wie es weitergehen würde. Das war eines der schwierigsten Gespräche unsere gesamten Weltreise. 

Uns war klar: die richtige Entscheidung wäre es, nach Hause zu fliegen. Die viel wichtigere Frage jedoch war: wäre es damit automatisch die falsche Entscheidung, hier zu bleiben? Wir gingen alle Alternativen durch und versuchten die Risiken abzuwägen. Es herrschte kein Reiseverbot innerhalb den USA und es war auch keines abzusehen. Wir hatten mit der Unterkunft in Michigan die Möglichkeit, uns auf unbestimmte Zeit zurückzuziehen. Und im Zweifelsfall wäre Social Distancing mit einem Wohnmobil in den USA möglicherweise sogar einfacher als in einer 3-Zimmer-Wohnung mitten in Berlin. 

Wir beschlossen, dass das Risiko vertretbar wäre. Wir hatten selbst in LA nicht den Eindruck, dass die Menschen panisch werden oder durchdrehen. Das Bild auf den Straßen war ein anderes als das, was in den deutschen Nachrichten präsentiert wurde. Wir beschlossen, die Situation ernst zu nehmen, aber nicht in Panik zu geraten. Also riefen wir beim Wohnwagenverleih an, erfuhren, dass er geöffnet hatte, verabschiedeten uns bei unseren tollen Gastgebern, brachten unseren Mietwagen weg, holten das Wohnmobil ab und machten uns am Freitag Nachmittag auf den Weg Richtung Nevada. Kurz vor der Landesgrenze von Kalifornien wurde es dunkel und wir suchten uns einen kleinen aber gar nicht mal so leeren Campingplatz in der Nähe vom Death Valley.

 

Wir hatten beschlossen, dass unsere Weltreise trotz Corona noch nicht zu Ende sein sollte. Aber wie es nun weitergehen würde, war unsicherer als je zuvor. Froh über die getroffen Entscheidung aber trotzdem angespannt im Hinblick auf das, was uns nun bevorstand, verbrachten wir unsere erste Nacht im Wohnmobil, welches  für die nächste Zeit unser Zuhause sein würde. 



Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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