CLOSE ✕
Get in Touch
Thank you for your interest! Please fill out the form below if you would like to work together.

Thank you! Your submission has been received!

Oops! Something went wrong while submitting the form

Mit Kindern durch Namibia - Liebe auf den zweiten Blick

Gregor Ilg
|
Schön Reisen
|
7.10.2019

Als wir Ende August nach einem nervenaufreibenden Nachtflug zu viert am Flughafen von Windhoek ankamen, waren wir erst einmal komplett durch den Wind. Völlig übernächtigt, Nervenkitzel bei der Einreise (ich berichtete) und dann im Linksverkehr zum ersten Hotel.

Die ersten Tage in Namibia waren für uns alle ziemlich überwältigend. Bereits am Flughafen war sofort spürbar, dass wir nicht nur in einem anderen Land, sondern auf einem ganz anderen Kontinent angekommen waren. Unter der glühenden Sonne Afrikas spazierten wir zu Fuß über das Rollfeld zum Einwanderungsschalter, wo uns drei Beamte mit für uns sehr schwer verständlichem Englisch empfingen. Von hier aus ging es dann in eine Flughafenhalle, die nicht größer war als der Betriebsbahnhof Rummelsburg. Da uns die Roaminggebühren von 4,32€ pro Minute und 0,94€ pro 50 KB mit unserem Vodafone Vertrag ein wenig überteuert erschienen, führte einer unserer ersten Gänge zum namibischen Mobilfunkanbieter “MTC”, wo wir uns schnell eine Sim Karte holen wollten. Das funktionierte grundsätzlich sehr gut. Nur eben nicht schnell. Anstatt die Sim Karten einfach nur auszuhändigen, kümmerte sich die Verkäuferin höchstpersönlich um jeden einzelnen Kunden, inklusive Sim Karte ins Handy einlegen, sim Karte aktivieren und dann gemeinsam zur Ladestation gehen, wo sie das Bargeld einwirft, welches man ihr vorher gegeben hat. Das Gute daran: man kann nicht viel falsch machen. Der Nachteil: es dauert ewig. 

Ankunft in Windhoek


Nichtsdestotrotz saßen wir ca. 2 Stunden nach der Landung alle vier in unserem fast neuen ISUZU M-UX (ja, ein SUV) und fuhren die ca. 30 km Richtung Windhoek. Schon auf dieser ersten Strecke erhielten wir einen ersten Eindruck davon, was uns die nächsten vier Wochen erwarten würde. Breite, teils unbefestigte Straßen. Höchstens alle 5 Minuten kommt mal ein Auto entgegen. Am Straßenrand Warzenschweine und Paviane. Und die Landschaft so karg und steinig, dass wir uns hier als Menschen erst einmal gar nicht willkommen gefühlt haben.

Als wir vier Wochen später den gleichen Weg in die andere Richtung zurück legten, ging es uns komplett anders. Wir hatten das Land mit all seinen Eigenheiten und Herausforderungen kennen und lieben gelernt. Und wir alle bedauerten es sehr, dass wir diese karge Landschaft für lange Zeit nicht mehr wiedersehen würden. Hier eine unvollständige Liste der Dinge, die unsere Reise durch Namibia so besonders gemacht haben.

Tierwelt

Zu Beginn das Offensichtliche. Jeder Reiseblogger, der Namibia besucht hat und etwas auf sich hält, schmückt seine Artikel mit zahlreichen Fotos von Elefanten, Giraffen, Antilopen und Geparden. Die beeindruckende Tierwelt ist wohl der Hauptgrund, warum es Menschen aus aller Welt nach Namibia zieht. Ganz oben auf der To-Do-Liste steht der Etosha Nationalpark. Ein Gebiet so groß wie Mecklenburg-Vorpommern, in dem Menschen sich nur innerhalb ihrer Autos oder in den Camps frei bewegen dürfen. Der Rest des Parks gehört den Tieren. Glücklicherweise haben wir uns dieses Highlight für die letzte Woche unserer Reise aufgehoben. So konnten wir die Tierwelt Schritt für Schritt kennen und schätzen lernen.

Bereits die erste längere Station unserer Reise war für uns eine eindrückliche Erfahrung. Die Gamis Farm liegt im Süden des Naukluft Gebirges. In den letzten sieben Jahren fiel hier so gut wie kein Regen. Nicht unbedingt die besten Bedingungen für Mensch und Tier. Und trotzdem ist die Landschaft nicht so leer und ausgestorben, wie es auf den ersten Blick erscheint. Bei unseren fast täglichen Farmrundfahrten über das 22.000 Hektar große Gelände sahen wir nicht nur die Rinder und Wildpferde. Wenn wir Glück hatten, trottete eine kleine Familie von Oryxen gemächlich vom Auto weg. Oder ein Warzenschwein, welches am Rand des ausgestorbenen Flussbettes im Dreck wühlte, rannte aufgescheucht durch den Landcruiser davon. Auch Paviane konnten wir hin und wieder in der Ferne erkennen.

Aber sehr viel häufiger als die eigentlichen Tiere, sahen wir deren Spuren. Nach einer Woche können wir die Exkremente von Rindern, Antilopen und Hyänen voneinander unterscheiden und wissen, woran man das Alter einer Oryxspur erkennt. 

Auf unserem Weg in den Norden Namibias steigerten sich unsere Begegnungen mit der Tierwelt Schritt für Schritt. In Swakopmund lernten wir auf zwei geführten Touren erst die so genannten Little 5 der Wüste (Spinne, Eidechse, Schlange, Gecko, Chamäleon) und dann die Marine 5 des Atlantiks (Robbe, Pelikan, Delphin, Wal, Flamingo) kennen. Dass wir weder das Chamäleon noch Delphine zu Gesicht bekamen, störte die Kinder wenig. Hatten wir doch eine Puffotter, einen Palmatogecko, Pelikane, Robben und sogar einen Wal hautnah erlebt.

Das uneingeschränkte Highlight in Bezug auf die Tierwelt war jedoch unsere letzte Station. Für eine Woche hatten wir uns auf der mit 320 Hektar vergleichsweise kleinen Haloli Farm in der Nähe des Etosha Parks einquartiert. Direkt vorm Küchenfenster unseres Bungalows gab es eine kleine Wasserstelle, wo sich Abends Kudus, Zebras, Elands, Springböckchen und die Gnu-Crew die Klinke in die Hand gaben. Bis spät Abends saßen wir teils alleine teils mit unseren Mädels am Küchentisch und versuchten die verschiedenen Antilopenarten zu bestimmen. Unsere Töchter entwickelten einen großen Ehrgeiz darin, die Tierlaute möglichst naturgetreu nachzuahmen.

Von dieser Farm aus unternahmen wir drei Tagesausflüge in den nahegelegenen Etosha Park. Hier fuhren wir teilweise stundenlang von einem Wasserloch zum nächsten und beobachteten zahlreiche verschiedene Tiere in ihrer natürlichen Umgebung. Im Gegensatz zum Zoo, gibt es hier keine Gehege. Die komplette Fauna Namibias war hier versammelt und ließ sich von den gelegentlich vorbeifahrenden, weißen SUVs kaum beeindrucken. Die Mittagszeit verbrachten wir üblicherweise in einem der offiziellen Etosha Rest Camps, um dort in die Pools zu springen, welche man als Gast des Parks kostenfrei benutzen darf. Für unsere Mädels waren die Poolbesuche übrigens der Hauptgrund, nach unserem ersten Ausflug noch zwei weitere Tagestouren zum Etosha klaglos mitzumachen. 

Aber uns sollte das nur recht sein. Wir freuten uns über Giraffen am Straßenrand. Elefanten, die wie kleine Felsen in der Ferne posierten. Nashörner auf der Futtersuche und eine Gepardenmama, die sich mit ihren drei Jungen unter einem Baum ausruhte.

Die Begegnung mit Tieren in freier Wildbahn, die wir sonst nur aus dem Tierpark kannten, war sicherlich eine der nachhaltigsten Erfahrungen unserer Namibiareise. 

Die Gnu Crew an der Wasserstelle vor unserem Bungalow
Auf Tuchfühlung mit Pelikan
Puff-Otter
Elefanten im Etosha Park
Etosha: Wasserloch für Tiere
Etosha: Wasserloch für Menschen

Wüste

Die vielfältige Fauna ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, in was für Verhältnissen die Tiere zurecht kommen müssen. Namibia wird im Osten von der savannenartigen Kalahari und im Westen von der ältesten Wüste der Welt, der Namib begrenzt. Kilometerlange Felsen- und Steppenlandschaften werden je näher man der Küste kommt, von 100 Meter hohen Dünen abgelöst. Auf dem Weg von einem Ort zum nächsten fuhren wir teilweise stundenlang einfach nur geradeaus durch die weite Wüstenlandschaft. Der Boden flimmerte und wenn es die Vegetation erlaubte, sah man in der Ferne gelegentlich ein paar Oryxe grasen. 


Erst hier in Namibia haben wir wirklich verstanden, dass Wüste nicht gleich Wüste ist. Die hohen Dünen, welche man aus den Filmen kennt, findet man in erster Linie nahe der Küste in der Wüste Namib. Wenn man Glück hat, und nicht gerade Nebel vom Meer ins Land zieht  erstrecken sie sich so weit das Auge reicht, um irgendwann in den Atlantik zu münden. Von Swakopmund aus habe wir zwei Ausflüge in diese grandiose Wüstenlandschaft unternommen. Einmal die Living Desert Tour mit einer wahnsinnig kinderfreundlichen Wüstenführerin um die Tierwelt zu entdecken. Und einmal auf vier Rädern, um einfach nur Spaß zu haben. Der Anblick der Dünen. Das Stapfen durch den Sand. Die Fahrt mit den Quads. Und nicht zuletzt die Schlittenfahrt mit dem Sandboard. Selbst unsere Jüngste hatte nach anfänglicher Panik letztendlich einen Riesenspaß, auf dem Rücken ihrere Eltern den Hang hinunterzuschlittern. Die Wüstenbesuche waren eine tolle Erfahrung für uns alle, an die wir uns immer wieder gerne zurückerinnern. 

Autofahrten

Um vom Naukluftgebirge nach Swakopmund zu gelangen muss man etwa fünf Stunden lang über unbefestigte Schotterpisten fahren. Keine Tankstellen. Keine Rastplätze. Keine Städte. Nur Berge, Wüste, Savanne. Und während man einerseits betet, dass einem in dieser Einöde nicht die Reifen platzen, kommt man andererseits kaum aus dem Staunen heraus angesichts der grandiosen Landschaft. 

Je länger wir in Namibia unterwegs waren, desto mehr haben wir uns an diese Art des Reisens gewöhnt. Selbst die Kinder haben irgendwann aufgehört zu fragen, wann wir endlich da sind. Sie haben die Zeit genutzt, um etwas runterzukommen, ihre Hörspiele zu hören und stundenlang aus dem Fenster zu schauen. 

Wir Eltern haben vorne gesessen und uns über die Reise und unsere Eindrücke unterhalten. Uns über die Schwierigkeiten und Herausforderungen ausgetauscht und die Highlights Revue passieren lassen. Und irgendwann haben auch wir uns ein Hörbuch rausgesucht und einfach nur zugehört und rausgeblickt. 

Auf Dauer hatten diese Fahrten etwas sehr meditatives. Sie waren wie kleine Pausen im Reisealltag. Man musste dieser elend langen Straße folgen. Teilweise über 150 km ohne eine Kreuzung. Man wusste, man würde irgendwann ankommen und bis dahin, tat man einfach gar nichts und ließ den Gedanken freien Lauf… bis eines der Kinder auf Toilette musste.

Farmleben

Wir haben in diesem Monat sicher lange nicht alles gesehen oder kennengelernt, was man über Nambia wissen könnte. Wir waren nicht auf dem Soussouvlei, der höchsten Düne Namibias, wir haben nicht die Höhlenzeichnungen am Brandberg gesehen, wir waren nicht auf dem Waterberg und haben keine afrikanischen Ureinwohner besucht. Nicht weil uns das nicht interessiert hätte, sondern einfach weil wir uns für unsere jeweiligen Stationen ausreichend Zeit nehmen wollten. 

Was wir daher sehr gut kennengelernt haben, ist das namibische Farmleben. Über xx Prozent von Namibia gehört den Farmern. Landwirtschaft ist das Rückgrat der namibischen Wirtschaft. Und wenn es sieben Jahre nicht regnet, dann belastet das dieses Rückgrat enorm. Wir haben drei Farmer kennengelernt. Zwei mit deutschen Wurzeln und einen Südafrikaner. Ein Großteil der Farmen wird von Vertretern der ehemaligen Kolonialmächte betrieben. Was dies gesellschaftlich bedeutet, habe ich versucht an andere Stelle zu beschreiben. Aber nichtsdestoweniger war es für uns sehr wertvoll, einen Einblick in dieses Leben zu erhalten. Die Größe der Farmen führt dazu, dass die Farmer täglich mehrere Stunden mit ihren Landcruisern über das Farmgeländr fahren, um die Tiere zu suchen, zu füttern und die sehr einfachen Farmkonstruktionen zu begutachten. Schon eine kaputte oder verunreinigte Wasserstelle kann kritisch sein. Liegt ein Pavian tot im Wasserbecken. Sind Tiere schwanger, krank oder gestorben? Sind Raubtiere auf der Farm, die bekämpft werden müssen? Wie sind die Futterpreise? 

Nicht alles, was die Farmer tun, scheint zu 100% effektiv zu sein . An einem Tag fahren sie mehrere Kilometer zu einer Futterstelle, um da das Futter aufzufüllen nur um am nächsten Tag die gleiche Strecke zu fahren, um die Mineralien nachzufüllen. Als Außenstehend denken wir unweigerlich,  das man das auch mit einem Abwasch hätte machen können. Aber auf der anderen Seite ist das ständige Befahren der Farm, ein zentraler Bestandteil der täglichen Arbeit. Jedes Rind, dass der Farmer verliert, ist ein herber Verlust. Wenn man also verhindern möchte, dass die Rinder zu schwach werden, weil sie kein Futter mehr finden und dann die Kälber nicht verteidigen können, wenn Schakale oder Hyänen angreifen, dann muss man seine Farm und seine Rinder ganz genau kennen. Und so fährt der Farmer täglich über die Ländereien und schaut nach dem Rechten. Und die restliche Zeit verbringt er mit Reparaturen. Der Landcruiser ist 35 Jahre alt. Der LKW 25. Beide Fahren immer noch über die unwegsamsten Gelände. Damit sie das tun, wird fast jeden Tag geschraubt, geprüft, improvisiert, verbessert. Farmer sind nicht nur Tierzüchter, Verkäufer und Monteure. Sie sind auch Erfinder und Überlebenskünstler. Und Vorbilder, was nachhaltiges Wirtschaften angeht.

Allein die zwei Wochen auf den Farmen in Namibia haben mehr dafür getan, unser Leben in Deutschland in eine neue Perspektive zu setzen, als jede Netflix Doku. 

Fazit

Wir haben Namibia lange nicht von allen Seiten kennengelernt. Von den Townships haben wir nur einen kleinen Blick erhaschen können. Die Politik haben wir gar nicht betrachtet. Den Konflikt zwischen schwarz und weiß haben wir immer wieder gespürt, aber nie im Detail hinterfragt geschweige denn komplett durchschaut. 

Aber es gab ein paar Seiten, die wir sehr intensiv erleben durften und die dazu geführt, haben dass wir das karge, weite Land heute mit anderen Augen sehen, als damals, als wir das erste Mal vom Flughafen nach Windhoek gefahren sind. Nach wie vor haben wir großen Respekt vor Namibia. Aber nicht mehr aufgrund der Ungewissheit, was uns erwartet. Sondern aufgrund dessen, was wir in den vier Wochen über Land und Leute und Tiere gelernt haben. 

Namibia hat uns eine neue Perspektive eröffnet. Eine Perspektive mit der wir in der Form gar nicht gerechnet haben. Und wir sind sehr froh, dass wir das erleben durften.

Wenn also jemand mit dem Gedanken spielt, den Süden Afrikas zu bereisen, dann würden wir Namibia uneingeschränkt empfehlen. Ob alleine oder mit Kindern. Aber nehmt euch ein bisschen Zeit. Hetzt nicht von einem Reiseführerhighlight zum nächsten. Nehmt euch etwas Zeit für persönliche Begegnungen. Wir haben tolle Erfahrungen gemacht und wir haben etwas fürs Leben gelernt. Und genau das war ja der Grund, warum wir uns ursprünglich überhaupt erst auf den Weg gemacht haben. 


Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

Kürzlich erschienene Beiträge

Die Future Proof Company

Wie man die digitaleTransformation nutzt, um ein echtes New-Work-Startup zu gründen

E-Book "MENSCHpunktNULL" kostenlos herunterladen