CLOSE ✕
Get in Touch
Thank you for your interest! Please fill out the form below if you would like to work together.

Thank you! Your submission has been received!

Oops! Something went wrong while submitting the form

Kinder streiten lassen - Erziehungsexperimente auf Weltreise

Gregor Ilg
|
Schön Reisen
|
13.10.2019

Franzi und ich räumen gerade den Frühstückstisch ab. Wir sind in einem rustikalen wunderschönen Bungalow auf einer Gästefarm nahe des namibischen Etosha Nationalparks. Letzte Nacht haben sich Zebras, Antilopen und Gnus an der Wasserstelle direkt in unserem Vorgarten zum Abendbrot verabredet. Wir sind immer noch ganz beeindruckt von den nächtlichen Beobachtungen, als wir aus dem Zimmer unserer Mädels ganz unidyllische Laute vernehmen,

“Aber das ist mein Schrank!”
“Ja, aber das ist meine Seite.” 
“Dann muss ich aber alles noch mal aufräumen”
“Nein!”
“Doch!”
“NEIN!”
“DOOOOOCH!!!!”


Lautes Schreien! Weinen. Die eine tritt der anderen auf den Fuß. Lauteres Weinen.

Wenn das für euch, liebe Leser, jetzt wenig Sinn ergibt. Dann seid beruhigt. Für uns auch nicht. Wir haben in den letzten vier Wochen bereits mehrfach solche Situationen erlebt. Manchmal täglich. Bisher hat keine unserer Erziehungsstrategien eine nachhaltige Verbesserung bewirkt. Diesmal probieren wir etwas anderes aus. 

Familie rund um die Uhr

Vorab jedoch ein paar Worte dazu, wo wir herkommen. Franzi und ich haben uns eine einjährige Auszeit genommen, um mit unseren beiden Töchtern um die Welt zu reisen. Elisa ist 5 Jahre alt und Lenchen ist 10. Beide finden die Vorstellung grundsätzlich großartig. Ein Jahr lang nicht in die Schule oder Kita gehen und stattdessen in Pools rumhängen und mit Tieren spielen. Auf der anderen Seite sind sie jetzt rund um die Uhr mit uns zusammen. Keine Freunde. Häufig nicht einmal ein eigenes Zimmer. Kaum Rückzugsmöglichkeiten. 

Und das gilt nicht nur für die Kids. Wir alle sind regelmäßig den ungefilterten Launen unserer Liebsten ausgesetzt. Wenn wir vier Stunden im Auto fahren. Oder in einem Hotel mit Familienzimmer sind, dann kann man nicht einfach mal die Tür zu knallen oder sich mit einer Freundin treffen oder Sport machen oder Playstation spielen. Jeder Konflikt wird ausgetragen. Ob man es möchte oder nicht. 

Es ist jetzt nicht so, dass es vor unserer Reise keine Konflikte gab. Und wir haben auch früher schon versucht, diese Konflikte gemeinsam zu besprechen und Lösungen zu finden. Vor einigen Jahren haben wir dafür sogar die Familienkonferenzen eingeführt, um gemeinsam alles zu besprechen, was uns nervt. 

Gerade für Elisa, unser Jüngste, ist das jedoch nicht einfach. Alle dürfen ihre Meinung sagen. Und alle müssen sich konzentrieren und zuhören. Im besten Fall sogar eigene Vorschläge machen. Und vor allem muss man die ganze Zeit am Tisch sitzen bleiben, wenn man eigentlich lieber malen oder puzzlen möchte. Trotzdem helfen uns diese Gespräche weiter. Wir haben bei solchen Konferenzen Abendprozeduren besprochen und Handyzeiten gemeinsam festgelegt. Und Elisa konnte durchsetzen, dass wir sie nicht stören dürfen, wenn sie unter einen Tisch krabbelt. 

Next Level

In den letzten vier Wochen erreichten die Herausforderungen aber ein neues Level. Bisher wurden auf Familienkonferenzen nur die allergrößten Konflikte an die Oberfläche gespült. Viele kleine Konflikte gingen im Arbeitsalltag einfach unter. Wenn man keine Lust aufeinander hatte, ging man sich aus dem Weg. 

Im Notfall zogen wir manchmal auch die “Weil-wir-eure-Eltern-sind-Karte” um manche Dinge einfach zu bestimmen. In einem klar strukturierten Umfeld, sind viele Verhaltensweisen und Regeln seit Jahren gewachsen und etabliert und mussten nicht ständig neu verhandelt werden. Alle hatten ihr eigenes Zimmer und ihre eigenen Freunde. Abends gab es ein gemeinsames Abendbrot, wenn alle zu Hause waren. Danach hatten die Mädels für mindestens eine halbe Stunde unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und dann ging es ins Bett. Ab 19:30 war Elternzeit. Das hat für uns alle ganz gut funktioniert. 

Aber jetzt gelten alle diese Regeln nicht mehr. Wir müssen morgens nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt aufstehen. Zumindest nicht regelmäßig. Niemand hat auf Dauer sein eigenes Zimmer. Unsere Unterkunft wechselt teilweise im Wochentakt. Es gibt keine halbe Stunde Kinderzeit sondern ganze Kindertage - die Mädels dürfen jeden zweiten Tag bestimmen, was wir unternehmen. Man kann sich nicht zurückziehen. Man hat keine Freunde in der Nähe, bei denen man sich mal richtig auskotzen könnte. Und außerdem befinden wir uns in völlig fremden Umgebungen und kämpfen nicht nur mit unseren eigenen kleinen Familienproblemen sondern mit der unbekannten Welt da draußen. Es gibt jeden Tag neue aufregende Dinge zu erleben. Mal ist das ganz großartig und mal beängstigend. Und jeder von uns geht damit anders um. Ich werde zum Beispiel sehr ruhig und wortkarg. Bei Elisa ist es eher das Gegenteil. All die eigenen Emotionen zu verarbeiten und trotzdem für die anderen Familienmitglieder da zu sein, ist eine Herausforderung für uns alle. 

Was nicht funktioniert

Streit und Konflikte zwischen unseren beiden Mädels sind somit vorprogrammiert. Und mehr als einmal ist es bereits eskaliert. Wie sind wir bisher mit den kleinen und großen Konflikten unserer Töchter umgegangen? Hier eine kurze Übersicht der Strategien, die wir bisher mehr oder minder erfolgreich versucht haben:

  • ausführliche, belehrende Gespräche (waren nach einer halben Stunde wieder vergessen)
  • ignorieren (hat nicht so lange geklappt und fühlt sich doof an)
  • zurückschreien (war für alle Beteiligten fürchterlich und haben wir als Strategie sofort wieder von der Liste gestrichen)
  • verhandeln (ist wahnsinnig anstrengend und hilft nur kurzfristig)
  • Zuckerbrot und Peitsche (Irgendwann gehen einem die Zuckerbrote aus und - naja - Peitsche ist selbst metaphorisch keine Option)
  • Familienkonferenzen (haben ein bisschen geholfen)


Strategie: Selbstbestimmung

Und jetzt? Wir haben etwas Neues ausprobiert. Unser aktuelle Strategie verdanken wir dem Hörbuch “Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn - Gelassen durch die Jahre 5 bis 10”. Der große Vorteil der langen Autofahrten durch Namibia ist, dass man viel Zeit hat. Irgendwann gehen einem die Gesprächsthemen und das nächste Warzenschwein am Straßenrand ist dann auch nicht mehr ganz so aufregend wie die ersten 50. 

Als wir mal wieder mit einer unseren Erziehungsstrategien grandios gescheitert sind, entdeckten wir durch Zufall das oben genannte Hörbuch über bedürfnisorientierte Kindererziehung von Danielle Graf und Katja Seide. Wir kannten es beide schon, hatten aber vieles wieder vergessen. Und so gaben wir dem Buch eine zweite Chance. 

Während also die karge, namibische Landschaft an uns vorbeizog, wurde auf sehr anschauliche und unterhaltsame Weise beschrieben, wodurch Konflikte in der Familie entstehen, warum es einem manchmal so schwer fällt, auf andere einzugehen und welche Möglichkeiten es gibt, damit umzugehen. 

Und dann beschlossen wir kurzerhand, das Gehörte auszuprobieren. Wann wenn nicht jetzt hat man denn mal genügend Zeit und Kapazitäten, um etwas Neues auszuprobieren und gemeinsam an dieser Herausforderung zu wachsen?

Bedürfnisorientierte Erziehung?

Statt also den Streit der beiden zu bewerten und uns darüber zu ärgern, dass sie nicht in der Lage sind, sich gütig zu einigen. Und ihnen dann zu sagen, wie sie unserer Meinung nach am besten ihr Zimmer aufzuteilen hätten. Und dann der Einen vorzuwerfen, dass sie sich kooperativer verhalten soll. Und dann die Andere nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass sie der Einen nicht auf den Fuß treten solle. Stattdessen haben wir einfach nichts gesagt und es Ihnen selbst überlassen, ihren Konflikt zu lösen. 

Das waren gefühlt die härtesten drei Minuten der ganze Reise. Zu hören, wie sich unsere beiden geliebten Mädels an den Kragen gehen und nicht einzugreifen. Stattdessen die Kissen auf der Couch von rechts nach links zu sortieren, einfach um irgendwie beschäftigt zu sein. Das erforderte sehr viel Selbstdisziplin. An der Ampel nicht zu hupen, wenn der vor einem bei grün nicht losfährt, ist nichts dagegen.

Und irgendwann kamen beide zu uns und wollten, dass wir sie trösteten und den Streit für sie schlichten. Nicht überraschend, da wir diese Rolle bisher oft und gerne übernommen haben. Aber diesmal nicht. Wir haben in freundlichem Ton erklärt, dass wir nicht dabei waren und deswegen keine Ahnung haben, wer nun Recht hätte und wie sie ihr Zimmer aufteilen sollen. Wir wüssten ja gar nicht, was ihnen bei der Aufteilung wichtig wäre und was vielleicht nicht. Unter uns: wir wussten ganz genau, wie wir es gemacht hätten, aber wir hatten uns ja fest vorgenommen, uns nicht einzumischen.

Der Konflikt war damit natürlich nicht beendet. Die Kleine war immer noch sauer und wollte keine Zeit mehr mit ihrer Schwester verbringen. Die Große war eine Weile geknickt, kam dann jedoch mit einem neuen Vorschlag um die Ecke. Unser Impuls war groß, den Vorschlag anzuhören und zu bewerten. Wir wollten ihr gut zusprechen und Elisa von dem neuen Vorschlag überzeugen, damit wieder Frieden herrscht. Aber wir blieben stark. Wir sagten, dass wir schon glaubten, dass ein neuer Vorschlag helfen könnte, aber ob dieser nun auch für Elisa funktionieren würde, könnten wir nicht sagen. Und dann zogen wir uns zurück, “um ein paar wichtige Dinge zu besprechen”. 

Und siehe da: die beiden haben ihr Problem alleine gelöst. Ohne, dass wir eingriffen. Ohne, dass wir jemanden trösten mussten. Ohne, dass wir Partei ergriffen. Ohne, dass wir eine Lösung vorgaben. Sie haben gemerkt, dass sie selbst für ihre Konflikte verantwortlich sein können und sich nicht darauf verlassen können, dass Mami und Papi Partei ergreifen und entscheiden, was richtig ist. So schwer es uns am Anfang fiel, so befreiend war es, sich den Konflikt der beiden nicht zu eigen zu machen. Wir waren emotional entspannt und konnten danach ganz offen auf sie eingehen, ohne die latente Unzufriedenheit über die frustrierende Störung der familiären Harmonie. 

Alles besser oder was?

Ist das jetzt der Stein der Weisen? Werden sich nun alle Konflikte entspannt in Luft auflösen, einfach weil wir uns weniger einmischen? Ganz bestimmt nicht. Wir hatten seit dem immer mal wieder Situationen, in denen es uns sehr schwer fiel, uns nicht einzumischen. Aber wir haben uns zurückgehalten. Und wir haben das Gefühl, dass es uns allen gut tut. Wir machen uns die Streits unserer Kinder nicht zu eigen. Und unsere Mädels merken, dass sie selbst für den Umgang untereinander verantwortlich sind.  

Sie haben in dieser Hinsicht mehr Freiraum und mehr Verantwortung. Im Endeffekt sind sie Schwestern. Und sie lieben sich. Das sehen wir täglich, wenn die beiden zusammen spielen, backen oder aneinander gekuschelt einschlafen. Und wenn es hin und wieder mal ordentlich kracht, dann ist das so. So lange wir alle wissen, dass wir im Ernstfall bedingungslos füreinander da sind, ist das völlig ok. 


Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

Kürzlich erschienene Beiträge

Die Future Proof Company

Wie man die digitaleTransformation nutzt, um ein echtes New-Work-Startup zu gründen

E-Book "MENSCHpunktNULL" kostenlos herunterladen