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Auf der Jagd in Namibia - eine ganz persönliche Erfahrung.

Gregor Ilg
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Schön Reisen
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12.9.2019

Es ist unser letzter Tag auf der Gamis Farm. Holger, einer unserer Gastgeber ist extra früh aufgestanden. Er geht jagen. Die Fleischrationen sind alle und die Angestellten müssen bezahlt werden. Die Rinder sind noch nicht bereit für die Schlachtung. Es wurden in den letzten Monaten sechs neue Kälber geboren. Die müssen von den Kühen versorgt werden. Die langjährige Dürre macht es schwer für die Farmer in Namibia. 

Es ist bereits sieben Jahre her, dass das 22.000 Hektar große Farmgelände von grünem Gras überflutet war. Dass Wasser durch die heute ausgetrockneten Flussbetten geflossen ist und Herden von 60 bis 70 Oryxen am Farmhaus vorbeigezogen sind. 

Das waren gute Zeiten. Rinder und Wildpferde fanden Nahrung im Überfluss. Sie teilten sich ihr Revier mit Warzenschweinen, Springböcken, Steinböckchen, Kudus und Elenantilopen. Der größte Feind der Farmer waren nicht die Trockenheit sondern die listigen Schakale und die aufdringlichen Paviane. 

Die gibt es auch heute noch. Und auch heute noch sollten sie sich nicht zu nahe an den 30 Jahre alten Land Cruiser herantrauen, wenn Holger damit die Wasserstellen kontrolliert. Wenn keine Gäste dabei sind, hat er in der Regel sein Gewehr dabei. Damit verteidigt er sein Rinder. Und das Wild. Und die Wasserstellen. Paviane halten sich mit Vorliebe an den großen Bassins auf, die alle Wasserstellen der Farm mit Frischwasser versorgen. Hin und wieder fällt ein Pavian in ein Bassin, kann sich nicht daraus befreien und stirbt. Wenn er nicht innerhalb eines Tages rausgeholt wird, verseucht das die gesamten Wasserstellen im Umfeld. Das Becken muss komplett neu gereinigt werden. Und wenn es hier zwischen Namib und Kalhari etwas gibt, was man auf keinen Fall verschwenden möchte, dann ist es Wasser. Ertrunkene Paviane können sich die Farmer nicht leisten.

Wasserbassin

Kudus, Springböcke und Elands werden heute nicht mehr gejagt. Das Fleisch der Elands soll das Beste Fleisch Namibias sein. Aber hier auf Gamis gibt es nur noch sehr wenige dieser stolzen Antilopen. Holger ist jedes Mal froh, wenn er die kleine Elandherde bestehend aus höchstens vier Tieren in der Ferne erblickt.

Das können die Farmer hier wie kaum jemand anderes. Die gut getarnten Tiere in bis zu einem Kilometer Entfernung  mit bloßem Auge zwischen den Sträuchern erkennen. An meinem ersten Tag auf Gamis habe ich einen 50 Meter entfernt grasenden Oryxbock erst gesehen, als er weggerannt ist. Mittlerweile weiß ich besser, worauf ich achten muss und kann auch auf weitere Entfernungen die grauen Oryxrücken von den braunen Kudukühen und den kleinen Springbockherden unterscheiden. Nur mit Warzenschweinen tue ich mich immer noch schwer. Die sehe ich nach wie vor erst, wenn Holger den Land Cruiser anhält und mir aus dem Fahrerfenster eine Uhrzeit zuruft. “3 Uhr am Rand des Flussbetts”. Ich schaue nach rechts. Ein entfernter Cousin von Pumba starrt mich an. Und macht sich dann langsam aus dem Staub.

Ich liebe die Farmrundfahrten. Wir sitzen hinten auf der Ladefläche. Und Holger navigiert den Land Cruiser über zahlreiche Pfade, die sich in Deutschland nicht einmal als Feldweg qualifiziert hätten. Teils durch ausgetrocknete Flussbetten. Über die harten rötlichen Steine, die auf die Ausläufer des Naukluftgebirges hinweisen. Zwischen kleinen Bäumen und dornigen Sträuchern hindurch. Wenn man sich während der Fahrt entspannt an das Geländer der Ladefläche anlehnt und nicht aufpasst, kann man einen Ast ins Gesicht bekommen. Aber Holger kennt sein Auto. Er weiß, wie er steuern muss, damit die Gäste hinten drauf unversehrt bleiben. Und er weiß, wann er langsamer fahren muss, damit auch wir das Wild beobachten können, welches er schon lange vor uns entdeckt hat. 

Mit jeder Fahrt lernen wir die Gegend etwas besser kennen. Wennekamp ist das nächstgelegene Wasserloch, welches wir mehrer Male überprüfen. Funktioniert die mechanische Bewässerungsanlage noch? Müssen die Mineralstoffe aufgefüllt werden? Haben die Paviane Ärger gemacht? Wann waren die Rinder zuletzt hier?

Man weiß nie genau, wo sie sind. 30.000 Fußballfelder bieten eine Menge Platz zum herumstreunen. Aber Holger und die anderen Farmer können die Spuren lesen. Und den Kot. Sie wissen, wann die Rinder da waren oder die Springböcke oder die Paviane. 

Karte der Farm

Vor ein paar Tagen haben sie eine Schleifspur entdeckt. Ein Leopard hat sich scheinbar auf die Farm verirrt und einen Springbock gerissen. Er hat ihn über die Zäune der Farm geschleift und in steiniges Gelände geschafft. Vom Kadaver war nicht mehr viel übrig. Die Hyänen haben dafür gesorgt. Nichts verkommt hier. Gestern hat Holger zum ersten Mal einen Geier auf der Farm gesehen. Auch die Tiere müssen sich angesichts der anhaltenden Dürre anpassen. Sie suchen sich neue Jagdreviere.

Aber zurück zum Anfang. Heute morgen noch vor Sonnenaufgang ist Holger bereit für die Jagd. Er hat gefragt, ob ich mitkommen möchte. Noch vor einer Woche hätte ich jede Einladung in dieser Richtung dankend abgelehnt. Der Gedanke daran, ein Tier in freier Wildbahn aufzuspüren, um es zu erschießen, hatte für mich etwas sehr Brutales und Unnatürliches. Und auch jetzt noch kann ich einer Jagd um der Trophäe willen nichts Positives abgewinnen. 

Aber Holger hat mir eine neue, zusätzliche Perspektive eröffnet. Die Jagd als ursprünglichste Form der Nahrungsbeschaffung. Der große Respekt vor den Tieren und der Natur ist Holger bei allem, was er tut, anzumerken. Er würde niemals planlos irgendwelche Tiere abknallen, nur um sich ein Geweih ins Wohnzimmer zu hängen. Er schießt keine Kälber und keine Oryxkühe. Auch Herden lässt er in Ruhe. Lediglich einzelne Oryxböcke kommen als Jagdwild in frage. Und auch nur, wenn er nahe genug an sie herankommt, dass ein Blattschuss oder Kopfschuss möglich sind. Das Tier merkt kaum, dass es getroffen wurde und ist innerhalb weniger Sekunden tot. 

Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre ein verunglückter Treffer, der das Tier nicht sofort tötet, so dass es verletzt wegrennt und irgendwo auf der Farm verendet. Das ist Holger bisher erst einmal passiert. Er ist stundenlang hinterhergelaufen, um sicher zu stellen, dass das Tier nicht länger leiden muss.

Vor heute hatte Holger mich schon zweimal zu einer Jagd mitgenommen. Beide mal erfolglos. Zum Glück, denke ich manchmal. Es war mehrere Male sehr knapp. Eine kleine Herde Oryxe trottete direkt neben dem Land Cruiser her. Aber es waren Kälber dabei. Ein einzelner Oryxbock stand plötzlich neben dem Wagen als wir durch ein Flussbett fuhren. Holger konnte ihn aus dem Fahrerhaus nicht sehen. Ich stand auf der Ladefläche und war zu überrascht, um darauf zu achten, wohin das Tier flüchtete. Holger stieg aus, und versuchte zu Fuß die Spur zu finden. Zwischen den vertrockneten mannshohen Sträuchern sich allein auf meine laienhafte Beschreibung verlassend. Nach 15 Minuten brach er die Suche ab. Als wir weiter fuhren, sprang der Oryx plötzlich direkt neben uns aus einem Busch und verschwand durch das Flussbett. 

Drei Oryxantilopen

Ich hatte gemischte Gefühle. Auf der einen Seite wusste ich, wie wichtig es für Holger war, recht bald Erfolg zu haben. Aber hätte ich wirklich dabei helfen wollen, den 180kg schweren, toten Oryxkörper auf die Ladefläche zu hieven? 

Mir fällt der Gedanke daran nach wie vor schwer. Diese stolzen Tiere, die den widrigen Umständen trotzen und allein oder zu zweit durch die Steppenlandschaft der Farm ziehen. Darf man ihnen einfach so das Leben nehmen? Auf der anderen Seite esse ich in Deutschland regelmäßig Fleisch. Heutzutage sehr viel weniger als früher und möglichst bedacht darauf, dass es sich um “gutes” Fleisch handelt. Aber letztendlich muss trotzdem immer ein Tier dafür sterben. 

Ich komme damit zurecht. Einem Hund, einer Katze oder einem Leoparden wirft man auch keine Grausamkeit vor, weil sie sich von Fleisch ernähren. Das ist Teil des Lebens. Aber die Erfahrung, an einer Jagd teilzunehmen, macht diesen Kreislauf noch einmal sehr viel konkreter. Mir ist plötzlich nicht mehr nur rational sondern auch sehr emotional bewusst, dass das Fleisch, welches wir essen, nicht einfach aus dem Supermarktregal kommt. Es wurde gejagt, geschlachtet und gesäubert und für unseren Verzehr zurecht gemacht.

Ich bin heute morgen mitgefahren. Zum ersten Mal konnte ich ein Stück weit auch die Faszination der Jagd nachvollziehen. Die Fahrt durch die weite Landschaft mit Blick auf die Steppe. In der Ferne die langsam aufgehende Sonne. Die Hoffnung ein graues Blitzen durch die Sträucher hindurch zu entdecken. Der Moment, wenn man einen einzelnen Oryxbock entdeckt. Holger den Land Cruiser anhält, aussteigt und versucht sich zu Fuß heranzupirschen. Die Enttäuschung, wenn der Oryxbock, die Gefahr wittert, davon galoppiert und dann in 250 Metern Entfernung gerade außerhalb der Schussdistanz anhält uns beinahe vorwurfsvoll ansieht, um dann langsam davon zu trotten. 

Anpirschen

Wir haben auch heute nichts gefangen. Enttäuschung und Erleichterung hielten sich bei mir die Waage. In jedem Fall bin ich um eine wertvolle Erfahrung reicher.

Zwei Tage später erhielt ich ein WhatsApp Foto von Holger. Er hatte einen Oryxbock geschossen. Aus 30 Metern Entfernung erlegt. Per Kopfschuss. Das Tier musste nicht leiden. Und die Gamisfarm hat nun wieder Fleisch für mindestens drei Wochen. Um das Tier tat es mir leid. Aber für Holger und die Bewohner der Farm habe ich mich gefreut. 

Oryxbullle



Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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