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Frühstück, Netflix, Basketball - Alltagsroutine auf Weltreise

Gregor Ilg
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Schön Reisen
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15.2.2020

Konzentration. Wurf. 54 von 99. Ball holen. Wieder zur Freiwurflinie. Nächster Wurf. 55 von 100. Gestern hatte ich 65 von 100. Die Sonne ist gerade untergegangen. Und es sind immer noch um die 33 Grad. Ich bin alleine auf dem Basketballplatz in Costa Rica. Die Luftfeuchtigkeit ist drückend. Ich kann den Korb im Dämmerlicht kaum noch sehen. Eigentlich bin ich zu alt, um an meiner Wurftechnik zu arbeiten, denke ich. Schon gar nicht in Costa Rica. Während unserer Weltreise. 

Aber andererseits beruhigt es mich. Es gibt mir eine Gefühl von Routine. Von Heimat. Die letzten Tage waren seltsam. Seit fast sechs Monaten sind wir zu viert unterwegs. Franzi, Lenchen, Elisa und ich. Wir waren in Namibia, Malaysia, Thailand, Laos, Vietnam, Deutschland, der Schweiz, Frankreich und den USA. Und jetzt. Mittelamerika. Und statt die herrliche Landschaft zu erkunden, in das Leben der Einheimischen einzutauchen und die beeindruckenden Strände zu genießen, freue ich mich über einhundert Freiwürfe in der Abenddämmerung. 

Wir sind seit drei Tagen hier und ich musste mich immer wieder aktiv selber dazu zwingen, mich über unseren einmonatigen Aufenthalt in der Schweiz Mittelamerikas zu freuen. Für andere Menschen ist das der langersehnte Jahresurlaub. Aber für mich fühlt es sich gerade nicht so an. 

Die letzten vier Wochen waren wir in Florida. In einem Appartement in einer Gated Community in einem kleinen Vorort von Orlando. Mit Pool und Basketballplatz vor der Tür. Kurz nach unserer Ankunft habe ich mir bei Wallmart für 15 Dollar einen Ball gekauft. Und ab diesem Tag war ich so gut wie täglich für mindestens eine Stunde auf dem Platz. Gelegentlich alleine. Aber oft auch mit Lenchen oder wir alle zu viert. Damit fing es an. Ich habe mit Lenchen Grundlagentraining gemacht und versucht mich parallel selbst ein wenig fit zu halten. Nicht ganz unangebracht. In den USA gibt es ausschließlich große Portionen.

Und als wir nun nach Unterkünften in Costa Rica gesucht haben, habe ich sehr darauf geachtet, dass wir wieder ein Korb in der Nähe haben. Da wir für unsere Weltreise seit einem halben Jahr ausschließlich mit Handgepäck reisen, wird jede Unterhose zweimal umgedreht (metaphorisch, nicht wortwörtlich). Aber den Ball wollte ich unbedingt mitnehmen. Und so habe ich die Luft rausgelassen und ihn in meinen Rucksack gestopft.

Ich habe die Zeit in Florida sehr genossen. Wir waren drei Wochen am gleichen Ort. Alle 2-3 Tage haben wir einen kleinen Ausflug gemacht und ansonsten hatten wir im Großen und Ganzen einfach einen sehr entspannten amerikanischen Alltag. Einkaufen, Wäsche waschen, Essen kochen, Basketball spielen, Lesen. Und die amerikanischen Großveranstaltungen im Fernsehen verfolgen. Grammys. Superbowl. Oscars. Das war nicht annähernd so aufregend, wie wenn man sich in Deutschland die Nächte dafür um die Ohren schlägt. Aber für mich hat es irgendwie gepasst. Einfach mal durchatmen. 

Und dann mussten wir diesem Alltag Lebewohl sagen. Auf der ganzen bisherigen Reise, habe ich mich immer auf die nächste Station gefreut. Wir haben auf Rinderfarmen in Namibia gewohnt, auf malaysischen Nightmarkets unsere Geschmacksnerven strapaziert, sind zwei Tage lang mit einem Slowboat den Mekong River runtergefahren und haben vietnamesischen Kids geholfen, ihr englisch zu verbessern. Ich habe alle diese Erlebnisse aufgesogen und war immer gespannt, was uns als Nächstes erwartet. Was wir für Eindrücke haben werden. Wie wir zurecht kommen. Wie wir mit den neuen Herausforderungen umgehen werden. Aber diese Neugier fehlte, als wir in Fort Lauderdale ins Flugzeug stiegen. 

Ich habe mit Franzi darüber gesprochen. Ihr ging es ähnlich, obwohl sie sich wirklich auf unser nächstes Reisziel freute. Sie kommt mit der Hitze gut zurecht. Und auch damit, dass wir nun wieder in einer Gegend sind, wo wir mit unserem Englisch oft nicht so weit kommen. Sie freut sich über die Leguane, die sich auf den Bordsteinen sonnen, die Pelikane, die regelmäßig in Formation an unserer Unterkunft vorbeiziehen, die Papageien in den Palmen und den pazifischen Ozean direkt vor der Haustür. 

Und ich? Ich freue mich aufs Basketball spielen. Aufs Kochen. Einkaufen. Und Netflix. Ich möchte weiter Routine haben. Alltag. Ich habe das Gefühl, ich bin reisemüde. Wir haben in den letzten Monaten so viele neue Eindrücke bekommen. Ich glaube, ich muss die erst einmal verarbeiten, ehe ich wieder offen bin für Neues. 

Es ist nicht so, dass ich Heimweh habe. Ich genieße es mit meine beiden Mädels und Franzi unterwegs zu sein. 24 Stunden am Tag Familienzeit. Und gerade deshalb nicht den Druck zu haben, die ganze Zeit zusammen verbringen zu müssen. Ich freue mich darüber, gemeinsam neue Erfahrungen zu sammeln. Und an Herausforderungen zu wachsen. Große Herausforderungen wie der Handgelenksbruch von Elisa in Frankreich. Und kleine Herausforderungen wie die Suche nach einer funktionierenden Sim Karte hier in Costa Rica. 

Im letzten halben Jahr haben wir uns alle vier so viel besser kennengelernt, als es im normalen Arbeitsalltag in Deutschland je möglich gewesen wäre. In Deutschland ist alles geregelt. Es gibt keine großen Überraschungen. Wir wissen, wo wir unser Essen her kriegen. Wir wissen, wann wer zu Hause ist und wann nicht. Wir wissen, wie lange das Geld reicht. Die Wochenenden und der Urlaub sind Monate im Voraus verplant. Und wir verbringen sehr viel weniger Zeit miteinander. Werktags sehe ich die Kinder morgens eine Stunde und Abends nochmal 2-3 Stunden. Alles ist durchstrukturiert. Am Wochenende haben wir etwas mehr Zeit. Wenn wir nicht gerade Freunde oder Familie besuchen. Dann haben die natürlich Priorität. Franzi und ich haben wenig abzuklären. Wer geht wann einkaufen. Wer ist wann zu hause. Was machen wir Samstag zum Frühstück. Wie verbringen wir den freien Sonntag Nachmittag. Früher erschien uns das recht viel. Und dann haben wir ein bisschen über die Arbeit gequatscht oder über die Kinder oder über die aktuellsten politischen Fehlentscheidung. Und dann haben wir Netflix angemacht.

Diese Art von Alltag hatten wir in den letzten sechs Monaten nicht. Wir mussten uns ständig auf neue Gegebenheiten einstellen. Seit wir unterwegs sind, haben wir in 35 verschiedenen Unterkünften übernachtet. 35 neue Betten. 35 neue Umgebungen. Neue Sprachen. Neues Klima. Neues Essen. Neue Herausforderungen. Die Aufregung vor jeder neuen Unterkunft ist heute nicht mehr vergleichbar mit den ersten Tagen. Aber die ständige Konfrontation mit dem Unbekannten bleibt. Wir haben keine Ahnung, wie unser Leben in zwei Wochen aussehen wird. Und das ist aufregend und belastend zugleich. 

Ich für meinen Teil brauche als Ausgleich Routinen. Unsere Frühstücksprozedur sieht seit sechs Monaten fast immer gleich aus. Franzi bereitet Obstteller mit lokalen Früchten vor. Ich mach irgendwas mit Eiern (gerührt, gespiegelt oder in Tomatensoße). Dazu gibt es Brot, Käse, Marmelade und ab und zu Müsli für die Mädels. Abends gibt es die sogenannte halbe Stunde. In der jeder von uns Eltern immer abwechselnd mit jeweils einem der Mädels etwas Ruhiges zum Runterkommen macht. Aktuell steht Solitär spielen hoch im Kurs. Vor dem Einschlafen höre ich mir häufig noch Sprachnachrichten von Freunden und Familie an oder nehme selber welche auf. Das sind die wiederkehrenden Eckpunkte unseres Tagesablaufs. Egal wo wir uns befinden. 

Seit einigen Wochen gehört für mich nun auch Basketball dazu. Ich gehe nicht jeden Tag spielen. Und es ist auch nicht schlimm, wenn es sich nicht ergibt. Aber wenn ich auf dem Platz stehe und Körbe werfe, dann ist das wie ein kleines Stück Heimatgefühl. Und allein das reicht schon um anzukommen. Um die Unsicherheit zu reduzieren und meine Neugier wieder zu wecken. 

Hier in Costa Rica hat es drei Tage gedauert. Aber die Routinen haben geholfen. Zu spüren, dass wir, egal wo wir sind, immer uns als Familie haben. Wir kennen uns mittlerweile so gut, dass wir genau wissen, was jedem von uns wichtig ist, um sich wohl zu fühlen. Lenchen braucht ihre Auszeiten, Ruhe von uns allen und die Videotelefonate mit ihren Freundinnen. Franzi braucht ein gutes Frühstück, Yoga und frische Luft. Elisa braucht Nähe, Körperkontakt und ihren Teddy Winnie-Puh. Und ich brauche mein Heimatgefühl in Form von gemeinsamen Routinen. 

Diese Erkenntnis ist wohl mit das Wertvollste, was ich aus den letzten Monaten mitgenommen habe. Und die ist für mich so viel wichtiger als die nächste Sehenswürdigkeit oder ein weiteres Häkchen auf der Bucketlist. 

Ich habe heute in Jaco, der nächstgrößeren Stadt, einen Copyshop entdeckt und dort spontan ein paar Fotos von unseren bisherigen Reisezielen im A4-Format ausdrucken lassen. Diese haben wir in unserer AirBnB Unterkunft an die weißen Wände gehängt. Das klingt vielleicht unspektakulär, aber für uns ist auch das wieder ein Stückchen mehr Heimatgefühl. Eine persönliche Note in der fremden Umgebung. Die Mädels waren komplett aus dem Häuschen.

Als ich vom Basketball zurückkam hatten wir zum Abendbrot aufgewärmte Pizza vom Vorabend. Danach habe ich mit Lenchen zwei Runden Solitär gespielt. Wir haben fast nicht geschummelt und trotzdem gewonnen. Zum Abschluss haben Franzi und ich den Abend mit zwei Folgen Suits ausklingen lassen.

Jetzt ist es wieder da. Dieses Glücksgefühl. Wir machen keinen Jahresurlaub, um uns vom Alltag zu erholen. Unser Alltag ist der Jahresurlaub. Und dafür sind wir wahnsinnig dankbar. Und auch die Neugier meldet sich zurück. In Costa Rica kann man zur Zeit Meeresschildkröten beobachten und es gibt Faultiere in freier Wildbahn. Mal sehen, ob wir welche entdecken. 

Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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