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Entschleunigung auf dem Mekong River - Mit dem Slowboat durch Laos

Gregor Ilg
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Schön Reisen
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29.2.2020

Langsam zieht die Landschaft an uns vorbei. Die Sonne spiegelt sich in den glitzernden Wellen. An den Ufern des Mekong Rivers kommen hinter den grünen Hügeln und Böschungen immer wieder kleine Siedlungen zum Vorschein. Häufig nur ein oder zwei Häuser. Manchmal sehen wir Kinder die am Flussufer spielen. Oder einen Fischer, der seine Angeln zwischen den Felsen befestigt hat. 

Für mich ist es einer der schönsten Glücksmomente unserer gesamten Reise. Ich sitze auf einer unbequemen Holzbank zwischen anderen Reisenden und Einheimischen und genieße die Eindrücke. Einige Kinder spielen auf dem Fußboden. Ein paar ältere, laotische Frauen essen Bananen und Reis mit Fingern. Sie haben die weite Reise von der laotischen Grenzstadt Ban Houayxay nach Luang Prabang angetreten, um Freunde oder Familie zu besuchen. Sie haben viel Gepäck dabei. DHL oder FedEx gibt es hier nicht. Wenn etwas geliefert werden soll, dann muss man sich selbst auf den Weg machen. Lebensmittel, Kühlschränke, drei Hühner. Immer wieder legt das Boot an einer für uns Touristen völlig willkürlich wirkenden Stelle an. Manchmal warten ein paar Menschen am Ufer, um die Waren entgegenzunehmen. Manchmal steigt jemand aus und verschwindet über einen ausgetretenen Pfad zwischen den Bäumen. Ja, einmal auch mit einem zwei Meter großen Kühlschrank auf dem Rücken.

Zwei Tage sind wir im Slow Boat auf dem Mekong River unterwegs. Ursprünglich hatten wir gar nicht geplant nach Laos zu reisen und zwei komplette Tage in tropischer Hitze durch das laotische Hinterland zu schippern. Aber eine schweizer Familie, die wir in Thailand getroffen haben, hat uns von ihren Reiseplänen berichtet und wir entschlossen spontan, uns ihnen anzuschließen. Sie hatten schon sehr viel mehr Erfahrung mit Südostasien als wir und wollten diese Reise unbedingt machen. Wir waren uns nicht sicher, wie Lenchen, Elisa oder unsere Rücken so eine lange Fahrt überstehen würden. Aber andererseits waren wir auch sehr neugierig. Einfach mal machen

In diesem Fall war es - wie so oft - dann doch genau die richtige Entscheidung, die eigenen Bedenken zurückzustellen und ins kalte Wasser zu springen. Um 9:00 Uhr morgens trafen wir uns am Steg. Für ca. 20 Euro pro Person besorgten wir uns Tickets, deckten uns mit ausreichend Sandwiches und Getränken ein und gingen an Bord. Abfahrt war planmäßig erst gegen 11:30. Aber dank ausgiebiger Reiseblog-Recherche hatten wir uns entschieden, möglichst zeitig da zu sein, um Plätze im vorderen Bereich des Bootes zu sichern. Im Verlauf der Reise beglückwünschten wir uns mehrfach für unsere Weitsicht. Die Lautstärke des Motors führte dazu, dass man sich im hinteren Teil des Bootes so fühlte, als würde man direkt im Maschinenraum sitzen. Anfangs hatten wir uns noch fröhlich feixend beim Karma bedankt, dass die Studentengruppe, welche dafür verantwortlich war, dass wir erst mit 30 Minuten Verspätung losfahren konnten, nur gerade so noch Plätze in der letzten Reihe erwischt hatte. Aber nach 6 Stunden Dauerbeschallung taten sie uns dann doch ein bisschen Leid.

Die Reise begann mit einer durchaus unterhaltsamen Einführung des Reiseleiters. Es war uns nicht ganz klar, ob er laotisch mit starkem englischen Akzent sprach oder umgekehrt. Wie auch immer, wir verstanden nur die Hälfte. Aber immerhin wurde uns gesagt, wann und mit welchem Boot es am nächsten Morgen weitergehen würde. Für diejenigen Reisenden, die noch spontaner unterwegs waren als wir, gab es auch Empfehlungen für Unterkünfte an unserem Zwischenstopp Pak Beng (ja, das ist der Name der Stadt und nicht wie von einem Mitreisenden vermutet, der laotische Begriff für “Paketbombe”).. Wir hingegen hatten unsere Unterkunft bereits in der Tasche. Mit 10 Euro pro Zimmer ganz am unteren Ende unseres Reisebudgets. Und wie sich rausstellen sollte auch ganz am unteren Ende der Komfortskala. Es gab immerhin einen Ventilator und auch eine warme Dusche. Aber anstelle von Wänden wurde lediglich ein bisschen Pappe angemalt und durch den Raum gespannt. Der Vorteil war, dass man sich auch in Zimmerlautstärke mit den Nachbarn aus dem Nebenzimmern unterhalten konnte. Ein sechsbeiniges Haustür (welches unseren Besuch leider nicht überlebt hat) gab es gratis dazu. 

Aber zurück zur Flussfahrt. Irgendwann ging es los. 6 Stunden lang den Fluss hinab. Ab und zu ein wenig mit den anderen Reisenden über die bisherigen Erfahrungen sprechen. Sandwiches essen. Lesen. Und ganz viel Rausschauen und Nichtstun.

Während wir so dahinglitten, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich am liebsten nie mehr anders reisen würde. In meinem Kopf vermischten sich alte Abenteuergeschichten vom Mississippi und Gedanken über die heutige Schnelllebigkeit.

Reisen gleicht heutzutage ja eher dem Beamen aus Star Trek. Mit dem Taxi zum Flughafen, dann im Flugzeug Filme schauen und Essen serviert bekommen, aussteigen, Mietwagen, Unterkunft ein halbes Jahr im Voraus bei AirBnB gebucht und dann geführte Touren. Ohne Risiken. Ohne Überraschungen. Der Weg ist nicht das Ziel. Das Ziel ist das Ziel. Und je kürzer der Weg, desto besser. 

Ich will das gar nicht verurteilen. Auch wir sind so gereist und werden es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft tun. Aber diese zwei Tage auf dem Mekong River haben gezeigt, was Reisen auch sein kann. 

Nicht einfach nur so schnell wie möglich von A nach B kommen. Sondern den Weg kennen und schätzen lernen. Eine Gefühl dafür zu bekommen, welche Distanz man zurücklegt. Durch was für ein Land man sich bewegt. Das stundenlange, immer gleiche Geräusch des Motors, die sich langsam verändernde Landschaft, der Lauf der Sonne, die entspannten Einheimischen, die auf dem Boden sitzend mit dem Rücken an die Reling gelehnt ein Nickerchen machten.

Die gesamte Fahrt hat etwas sehr Meditatives. Das komplette Gegenteil vom Arbeitsalltag. Es ging nicht um Effektivität, Effizienz und Produktivität. Es gab keine nächste Aufgabe, die auf einen wartet, kein weiterer Punkt auf der To-Do-Liste, der abgehakt werden muss. Man konnte nichts tun. Man musste nichts tun. Keine einfach zu verdauende aber umso notwendigere Medizin für die gehetzte Seele. 

Man ist so sehr daran gewöhnt, dass alles darauf ausgelegt ist, Zeit zu sparen. Im Büro wird ein zweiter Kaffeeautomat installiert, damit man nicht die 50 Meter bis zur Küche laufen muss. Gott bewahre, man trifft jemanden unterwegs, mit dem man ein paar Worte wechselt. Das ist nicht effektiv. Umwege sind eine Qual. Optimierung ist en vogue und wird zur Kunst erhoben. Wie kann man noch mehr Dinge in noch weniger Zeit erledigen? Normalerweise bin ich darin Spezialist. Ich liebe Effektivität. Selbst jetzt noch, ein halbes Jahr, nach Beginn des Sabbaticals, verspüre ich Unbehagen, wenn es ungenutztes Optimierungspotential gibt. 

Aber zwei Tage im Slowboat haben mir sehr deutlich vor Augen geführt, wie befreiend es ist, nichts optimieren zu müssen. Ich bin so dankbar, dass ich diese Erfahrung machen konnte. Selbst im Urlaub nimmt man sich selten die Zeit zum Nichtstun. Viel zu kostbar sind die 2-3 Wochen. Wenn man schonmal woanders ist, dann möchte man auch so viel wie möglich erleben. 

Erst mit der Zeit haben wir uns daran gewöhnt, weniger zu tun. Die Tage dahinfließen zu lassen. Wie auf dem Boot in Laos. Wir nehmen uns jetzt mehr Zeit. Fürs Frühstücken, Lebensmittel kaufen, Wäsche waschen, lesen, Tiere beobachten, Quatsch machen, Sprachnachrichten schicken, für Sonnenuntergänge, fürs Schlafen und Nachdenken. Für uns.

Es gelingt uns natürlich nicht dauerhaft. Und das ist auch nicht schlimm. Schnelligkeit und Effektivität sind ja nicht immer und überall schlecht. Aber auf dem Mekong River haben wir die Langsamkeit für uns entdeckt. Ich hoffe zutiefst, es bleibt davon etwas hängen. Auch dann noch wenn wir wieder zurück sind im hektischen, durchstrukturierten, deutschen Arbeitsalltag. 


Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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