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Die Panik vor dem Sturm - wie wir unsere Weltreise starteten

Gregor Ilg
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Schön Reisen
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24.8.2019

Tag 3 unserer Weltreise. 3 von ungefähr 326. Wir haben die 30-stündige Anreise nach Namibia gesund und.. naja, nicht ganz so munter... überstanden. Jetzt sind wir in einem kleinen aber feinen Resort mitten in Windhoek, der nambiischen Hauptstadt. Wir sind umgeben von Europäern. Alle scheinen hier für 1-2 Nächste einzuchecken, bevor es auf große Entdeckungstour geht. Zumindest laut Gästebuch teilen wir uns die drei Tische am Mini-Pool mit Holländern, Franzosen und ein paar anderen Deutschen. 

In der Bar ist die gesamte Wand tapeziert mit Wissenswertem über Bier inklusive einer englischen Übersetzung des Deutschen Reinheitsgebots und der Information wie viele verschiedene Biere man aus den drei einzig zulässigen Bierzutaten - Hopfen, Malz und Wasser - zusammenbrauen könnte. Sehr interessant. Zumindest für alle, die gern Bier trinken. Den deutschen Einfluss spürt man in Windhoek an jeder Ecke. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf den Straßenschildern stehen Namen wie Bismarkstraße, Wagnerstraße, Talstraße und... Sam Nujoma Drive.

Nur im Straßenverkehr haben sich nicht die Deutschen sondern anscheinend unsere Noch-EU-Kollegen von der Insel durchgesetzt. Der Linksverkehr macht uns ordentlich zu schaffen. Aber auch daran werden wir uns wohl gewöhnen.


Vorher spulen wir jedoch mal ein paar Tage zurück. Die letzten Wochen als emotionale Achterbahnfahrt zu bezeichnen, wäre eine gesunde Untertreibung. Gut zwei Jahre lang hatten wir uns auf den 20. August 2019 gefreut. 11 Monate zu viert unterwegs. Andere Länder kennenlernen. Gemeinsam an den Herausforderungen wachsen. Aber je näher das Datum rückte, desto öfter plagten uns im Angesicht dieser Herausforderungen Zweifel. 

Wir begannen unsere Zelte in Berlin abzubrechen. Plötzlich wurde das Vorhaben greifbarer. Und unsere eigenen Gefühle wurden ordentlich durcheinander gewirbelt.  

Besonders die vielen kleinen Abschiede machten uns auf Dauer wirklich zu schaffen. Wir hatten uns vorgenommen, so viele Verwandten und Freunde wie möglich vor der großen Reise noch einmal zu treffen. Eine große Abschiedsparty hatten wir nicht geplant. Betonung liegt auf “wir”, aber dazu später mehr. Und so verging in den letzten Wochen selten ein Tag, ohne dass uns jemand viel Glück und eine tolle Reise wünschte. Die Vorstellung, so viele Menschen, die uns wichtig sind, für eine sehr lange Zeit nur über Facetime oder Whatsapp zu sehen, war teilweise überwältigend. 

Auch unseren beiden Mädels viel der Abschied von ihren Freunden letztendlich schwerer als gedacht. Obwohl beide uns (und sich selbst) immer wieder versicherten, dass sie sich schon sehr auf die Weltreise freuten, kullerten mehr als nur einmal die Tränen. 

Der emotionale Höhepunkt war mein Geburtstag. Da ich generell nicht so die Partykanone bin, hatte ich eigentlich nichts Großes geplant. Ich bin davon ausgegangen, dass wir viel um die Ohren haben und daher höchstens im engsten Kreis anstoßen würden. Aber da hatte ich unsere Freunde und Verwandten offensichtlich komplett unterschätzt. Still und heimlich hatte meine Schwägerin Susi meinen Geburtstag zur Abschiedsparty umfunktioniert. Unter einem im Nachhinein völlig unglaubwürdigen Vorwand lotste sie uns zu einer traumhaften Location irgendwo im Nirgendwo, wo so gut wie alle unsere Freunde und fast die gesamte Familie auf uns wartete beziehungsweise im Verlauf des Abends noch eintrudelte. Insgesamt waren fast 50 Leute da inklusive einiger Überraschungsgäste und einem wahnsinnig emotionalen Abschiedsvideo. Wir haben mit allen angestoßen, immer wieder versichert, dass wir auf jeden Fall wiederkommen werden und zahlreiche gute Wünsche entgegengenommen. Nach einer letzten heiß umkämpften Runde Bierpong und ein bisschen besinnlicher Zeit am Lagerfeuer sind wir zu viert völlig überwältigt eingeschlafen und wussten einmal mehr: der Abschied aus Deutschland wird uns alles andere als leicht fallen. 

Wenn man solche Freunde hat… dann können einem Feinde und alle anderen Unannehmlichkeiten herzlich egal sein.

Die letzten zwei Wochen wurden dann zur gefühlsmäßigen Zerreißprobe. Wir hatten glücklicherweise kurzfristig noch eine sehr nette Familie zur Untermiete gefunden, die allerdings so schnell wie möglich einziehen wollten. Also brachten wir das Haus innerhalb kürzester Zeit auf Vordermann und verstauten alle unsere privaten Sachen. 

Lediglich die Klamotten, welche wir potenziell für die Reise benötigten und ein paar wichtige Unterlagen, verpackten wir in einen großen Koffer und eine Umzugskiste und zogen damit im Arbeitszimmer meiner Eltern ein. Jetzt bekamen wir für drei Wochen einen ersten exklusiven Eindruck wie es sich anfühlt, auf engstem Raum in ungewohnter Umgebung aus dem Koffer heraus zu leben. Mit dem einzigen Unterschied, dass wir uns eben noch nicht irgendwo auf der großen, weiten Welt befanden sondern immer noch in einem Vorort in Berlin.

Aus dem Arbeitszimmer meiner Eltern heraus mussten wir nun noch die letzten Erledigungen machen. Auto abmelden. Internationale Geburtsurkunden besorgen. Impfungen vervollständigen. Die Reiseapotheke zusammenstellen. Und alles auf Handgepäcksgröße reduzieren. Mehr als einmal fragten wir uns nun ganz ernsthaft: Was machen wir hier eigentlich?

Einerseits wollten wir, dass es endlich losgeht. Und andererseits wollten wir auf gar keinen Fall schon Abschied nehmen. Einerseits hatten wir ständig Angst noch etwas vergessen zu haben. Andererseits wollten wir uns darüber keine Gedanken mehr machen. Einerseits unser schön strukturiertes, angenehmes Leben. Und andererseits mit Anlauf raus aus der Komfortzone. Im letzten Artikel hatte ich noch geschrieben, dass wir gar nicht so richtig nachvollziehen können, warum Menschen unser Vorhaben mutig finden. Mittlerweile kann ich das verstehen.

Und dann war er endlich da. Der ersehnte Abreisetag. So lange drauf gewartet. Und jetzt irgendwie doch zu früh da. Noch einmal die Rucksäcke überprüfen. Noch einen Pullover aus dem Handgepäck entfernen. Noch einmal fast den Bus verpassen. Und dann waren wir am Flughafen, wo wir Susi trafen, die für uns nach der grandiosen Abschiedsparty nun auch das tränenreiche Abschiedskomitee stellte. Vielen Dank, liebe Susi! Wir werden dich vermissen.

Ausnahmsweise pünktlich um 16:35 ging es in Berlin Tegel los. Erster Zwischenstopp: London Heathrow. Ein Flughafen, in dem man von einem Terminal zum anderen 12 Minuten mit dem Bus fährt. 12 Minuten. Mit dem Bus. London Heathrow ist gefühlt so groß wie Greifswald. Nur etwas besser organisiert. 

Und dann der Langstreckenflug nach Johannesburg. Über Nacht auf die Südhalbkugel. Niemand von uns hatte bisher jemals den Äquator überquert. Ob es daran lag. Oder an der Aufregung. Oder an der lila Beleuchtung im Virgin Atlantic Flug. Aber keiner von uns bekam auch nur annähernd so viel Schlaf, wie eigentlich nötig. Und so kamen wir am Folgetag völlig übermüdet um 8:00 morgens in Johannesburg an. Nun noch ein Katzensprung bis Namibia. Noch einmal 4 Stunden im Flughafenrestaurant. Noch einmal 2 Stunden im Flugzeug. Und dann landeten wir in Windhoek. Dieser Flughafen war ungefähr so groß wie das Fußballstadion von Greifswald. In 12 Minuten hätten wir da dreimal zu Fuß drumherum laufen können. Das Wetter war herrlich. Die Aussicht auf die graubraune Steppenlandschaft beeindruckend und die Warteschlange vor der Passkontrolle war sehr überschaubar. 

Und dann der erste Schock. Statt der zwei internationalen Geburtsurkunden für unsere zwei Töchter, die wir den Einreisebestimmungen entsprechend extra noch besorgt hatten, hatte ich lediglich zwei Kopien derselben internationalen Geburtsurkunde für eine meiner Töchter eingepackt. Während ich aufgrund der Übermüdung nun kalte Schweißausbrüche bekam, versuchte ich mein Pokerface aufzusetzen und alles, was ich an Taschenspielertricks bei Netflix Youtube gelernt hatte, anzuwenden. Fröhlich mit den Beamten plaudern. Ganz bereitwillig so viele Papiere wie möglich aus den Unterlagen hervorzaubern, deutsche Geburtsurkunden für beide Mädels, Reisepässe, internationale Geburtsurkunde für eine Tochter, die Kopie der internationalen Geburtsurkunde für die eine Tochter. Ein Zettel wieder wegnehmen. Noch einmal draufschauen. Den anderen Zettel wegnehmen. Wieder einen Zettel hinlegen und plötzlich waren wir durch. 

Endlich auf namibischem Boden. Bereit fürs Abenteuer. Aber wenn wir nun glaubten, dass wir sofort von einer Welle der Euphorie umspült werden würden, dann hatten wir uns geschnitten. Denn ganz so einfach, wie wir uns das eigentlich gedacht hatten, ist das nämlich irgendwie leider nicht. Was wir auf unserer ersten Station erlebten. Und wann wir zum ersten Mal vollkommen überzeugt davon waren, dass wir hier das Richtige tun, berichte ich beim nächsten Mal. 


Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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