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Für eine bessere Gesellschaft - Sexismus im Gangsterrap

Gregor Ilg
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Schönes Leben
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24.2.2020
Ein Typ entjungfert ein hübsches Mädchen während dieses heulend im Bett liegt. Danach bringt er sie zum Fluss, stopft ihr den Mund mit Grünzeug und erschlägt sie mit einem Stein. 

Ausgelöst durch mutmaßliche Handgreiflichkeiten des Rappers Gzuz gegen seine Ex-Freundin im Sommer 2019 ist in Deutschland eine Debatte über Sexismus im Rap losgetreten. Die Frage ist dabei nicht, ob es sexistischen Deutschrap gibt. Es braucht keine zwei Minuten, um bei Youtube oder Google frauenverachtende Deutschrap Textzeilen zu finden. 

Die Frage ist, ob dagegen etwas unternommen werden sollte und wenn ja, in welcher Form. Die Argumente sind offensichtlich. Frauenverachtende Texte führten dazu, dass Sexismus gesellschaftsfähig bleibt. Rapper inszenieren sich als hyperpotente, erfolgsverwöhnte Testosteronjunkies und lassen halbnackte Straßenschönheiten durch ihre Videos hüpfen. Dazu beschreiben sie in den schillerndsten Farben mehr oder weniger raffiniert, wie sie mit oder gegen den Willen der Damen alle denkbaren Formen des Geschlechtsverkehrs vollziehen. Dabei weisen sie in schöner Regelmäßigkeit darauf hin, dass sie sehr teure Autos fahren und wahlweise Drogen verkaufen oder sich mit ihren zahlreichen Gegnern prügeln, die offensichtlich alle von Prostituierten gezeugt wurden.

Dass es sich bei den fiktiven Beschreibungen um maßlose Übertreibungen handelt, ist ziemlich offensichtlich. Sonst hätte der lange Arm des Gesetzes spätestens seit Künstler wie King Kool Savas diese Form des Gansterraps in Deutschland salonfähig gemacht haben, keine Ruhe mehr.

Im oben genannten Fall verschwimmen die Grenzen zwischen der Kunstfigur Gzuz und dem Hamburger Kristoffer Jonas Klauß. Nach eigener Aussage lügt Gzuz nicht in seinen Texten, sondern sagt die Dinge so wie sie sind. Gzuz wurde bereits mehrfach rechtskräftig verurteilt. Unter anderem wegen Körperverletzung. War für drei Jahre im Gefängnis. Er schreibt misogyne Songs. Und er verhält sich auch so. Für seine kriminellen Handlungen muss er zur Rechenschaft gezogen werden. Aber nicht für die sexistischen Texte.

Die Frage, ob man nun die Produktion oder den Konsum von gewaltverherrlichende und frauenverachtenden Texten ächten oder gar verbieten solle, geht am Thema vorbei. Alle Kunstformen spielen mit Tabus. 

Allein der Sachverhalt, dass eine Frau sich freiwillig in die Abhängigkeit von Männern begibt, welche diese Abhängigkeit bis hin zur mehrfachen Vergewaltigung ausnutzen, ist Thema von zahlreichen teils von der Kritik hochgelobter Kunstwerke.

Berthold Brechts Dreigroschenoper, Lars von Tiers Dogville oder King Kool Savas Pimplegionär sind nur einige Beispiele, die in ihrem jeweiligen Metier als Klassiker gehandelt werden.

Sexismus, Antisemitismus, Rassismus finden wir in den griechischen Tragödien, bei Shakespeare, bei Quentin Tarrantino und in jedem zweiten Ballermann Hit. 

Kunst muss nicht moralisch sein. Kunst kann aber sehr gut dazu beitragen, moralische Diskussionen auszulösen. Kunstwerke, die zu offensichtlich die Moralkeule schwingen, sind in der Regel viel unbedeutender und weniger wirksam als Kunstwerke, die die moralische Einordnung den Rezipienten überlassen. 

In der Serie Dexter ist der Protagonist ein Serienmörder, der Selbstjustiz übt. Das Publikum fiebert mit ihm mit. Aber niemand würde den bis zu 2,5 Millionen Zuschauern in den USA unterstellen, dass sie demnächst selbst losziehen, um auf eigene Faust Menschen zu töten. In der Videospielreihe Call of Duty, einer der erfolgreichsten Egoshooter aller Zeiten, muss man möglichst viele Menschen umbringen. Am besten per Kopfschuss. In regelmäßigen Abständen entwickelt sich daraus eine “Ballerspieldiskussion”. Mit dem immer gleichen Ergebnis, dass Egoshooter nicht automatisch Serienkiller produzieren. Und nur weil Charles Bukowski schreibt “Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren“ heißt das nicht, dass alle Bukowski Fans sexistische Idioten sind.

In fast allen Kunstformen haben wir akzeptiert, dass nicht die Kunst für die Rezeption verantwortlich ist, sondern die Rezipienten. Jeder Tabubruch, der in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, ist ein guter Tabubruch. Weil diese Diskussion uns helfen kann, den moralischen Kompass auszurichten. Ich selbst habe mit 15 Jahren angefangen, amerikanischen und deutschen Rap zu hören. Wu-Tang Clan, Ice-T, Insane Clown Posse, Cypress Hill. Es ging viel darum, Polizisten umzubringen, zu kiffen, die Mitglieder anderer Rapgruppen zu misshandeln oder es möglichst kreativ mit möglichst vielen Frauen zu treiben. 

Nichts davon habe ich bisher selbst in die Tat umgesetzt. Nicht mal das mit dem Kiffen. Und auch die Hiphop-Fans aus meinem Bekanntenkreis, die die Texte genauso oft und genauso laut wie ich mitgerappt haben, sind nach meiner bescheidenen Einschätzung nicht zu einer Bedrohung für die Gesellschaft geworden.

Eine dem Gangsterrap eng verwandte und ähnlich umstrittene Kunstform ist die Standup Comedy. Auch hier wird viel mit Tabus gespielt. Die Grenzen zwischen Kunstfigur und Künstler sind fließend. Felix Lobrecht ist einer der Shooting Stars der Szene. In seinem Programm macht er sich lustig über brennende Tiere, Umweltaktivisten, Ausländer, Frauen, Behinderte und alte, weiße Männer. Wer sich empören möchte, braucht nicht lange suchen, um zwei passende, politisch inkorrekten Minuten zu finden.

Dafür, dass Lobrechts Programme reichlich Shitstorm Material bieten, gab es bisher ungewöhnlich wenige Shitstorms. Vielleicht liegt es daran, dass Lobrecht in seinem Podcast "Gemischtes Hack" mit Comedy-Autor Tommi Schmidt sehr viel über seine eigene Person preisgibt. Er ist bei seinem alleinerziehenden Vater in Neukölln aufgewachsen. Geld war kein Thema. Sie hatten einfach keins. Er hat mehr Freunde mit Migrationshintergrund als ohne. Zu seinen Auftritten verschenkt er Tickets an sozial Benachteiligte, ohne darüber großes Aufhebens zu machen. Je mehr man über Lobrecht weiß, desto einfacher fällt es, die Moral hinter der Provokation zu erkennen.

Je mehr, Menschen mit Empörung auf moralisch fragwürdige Texte reagieren, desto wichtiger ist es, dass wir diese Texte haben. Denn es beweist, dass unsere Gesellschaft offensichtlich keinen moralischen Konsens hat. Der Reflex, sexistische, rassistische oder populistische Aussagen in fiktiven Texten öffentlich zu ächten, offenbart eine moralische Unsicherheit. Wenn Sexismus kein Problem wäre, dann wäre ein sexistischer Text auch nicht mehr als das. Ein Text der den Unterschied zwischen den Geschlechtern thematisiert.

Natürlich kann (und sollte) man die Taten, die innerhalb der Kunst beschrieben werden, bewerten. Man kann (und sollte) darüber diskutieren und sich aufregen. Aber man kann (und sollte) in dieser Diskussion die Künstler außen vor lassen und ihnen um Himmels willen nicht vorschreiben, wie sie ihre Kunst zu gestalten haben. Ob nun der Gute der Held ist oder der Böse. Ob die Sprache poetisch oder dreckig ist. Ob man die Ich-Perspektive, die Du-Perspektive oder wechselnde Perspektiven nutzt. Ob die Verbrechen von den Guten oder von den Bösen begangen werden. Ob man sich damit identifiziert oder nicht. Es dürfen der Kunst keine Grenzen gesetzt werden.

Aber… ABER… es muss nicht jede Kunst konsumiert und positiv bewertet werden. Natürlich kann man sagen: “Lieber Savas, also das was das lyrische Ich in Pimplegionär mit Stewardessen macht, ist aus moralischer Sicht nicht in Ordnung. Ich mag zwar den Beat und finde einige der Wortspiele sehr unterhaltsam, aber diese Handlungen sind im echten Leben streng zu verurteilen, es sei denn sie geschehen im beiderseitigen Einverständnis.” Oder verkürzt: “Sexismus hat im echten Leben nichts verloren”. Aber nur weil ein Songtext sexistisch ist, ist es nicht automatisch auch der Songschreiber. Dasselbe gilt übrigens auch umgekehrt.

Empörung, Verachtung, Ignorieren. Das sind völlig legitime und mitunter wünschenswerte Reaktionen auf sexistische, rassistische, misogyne oder homophobe Texte. Denn das ist die Aufgabe die Kunst hat. Sie soll Emotionen auslösen und zum Nachdenken und Reflektieren anregen. Ist das, was im Song gerappt, auf der Bühne gesagt oder im Film gezeigt wird, moralisch vertretbar oder nicht? Über diese Auseinandersetzung kann die eigene Moral geschärft werden. Die einzig nicht hilfreiche Reaktion wäre Verbot und Verurteilung des Künstlers. Denn wenn es nur politisch korrekte Kunst gäbe, dann gäbe es keinen Ort mehr, an dem man sich mit den Schattenseiten des menschlichen Daseins auseinandersetzen könnte. Außer (!) im echten Leben. Um es mit Eminems Worten zu sagen:

“And we need a little controversy. 'Cause it feels so empty without me”

Warum also fällt es so schwer, auch im Gangsterrap die Trennung zwischen Kunstfigur und Künstler zu vollziehen. Sind die Grenzen zu unklar? Liegt es am Stil? An der rohen Sprache? Oder daran, dass es überdurchschnittlich viele Rapper gibt, die sich nicht klar genug von ihren Kunstfiguren distanzieren? 

Wenn Rapper, Journalisten, Tourmanager oder Fans sich sexistisch verhalten, dann sind sexistische Raptexte nicht die Ursache sondern ein Symptom. Denn auch Rap ist letzten Endes nur ein Spiegel der Gesellschaft. Ein erfolgreicher sexistischer Song sagt serh viel mehr über unsere Gesellschaft als über den Interpreten. Anstatt also Rappern (oder Comedians) vorzuwerfen, dass sie sexistische Texte veröffentlichen, ist die viel wichtigere Frage doch, warum diese Texte überhaupt so erfolgreich sind. Das wäre ein konstruktiverer Umgang mit kontroversen Kunstwerken.

Der englische Originaltext aus dem eingangs geschilderten Mordfall lautet übrigens:

“And I kissed her Goodby, said all beauty must die and I leant down and planted a rose between her teeth” 

Der Text stammt aus dem Song “Where the wild roses grow” von Nick Cave und Kylie Minogue. Der Song gewann 1996 den Best Song of the Year Award in Australien, bekam sowohl in Australien als auch in Deutschland Gold Status und hat keine Debatte darüber ausgelöst, ob man Frauen einfach so umbringen dürfte, nur weil sie hübsch sind. Ganz im Gegenteil, Nick Cave wurde als meisterhafter Songwriter gefeiert. Und das ist auch gut so. Nicht, weil er die misogynen, sexistischen Taten seines Protagonisten poetischer umschrieben hat als die 187 Straßenbande, sondern weil es Kunst ist. 



Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
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