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Anleitung für eine konstruktive Kritik der Coronamaßnahmen

Gregor Ilg
|
Schönes Leben
|
3.9.2020

Du leugnest nicht die Existenz von Covid-19. Du glaubst nicht daran, dass alle Regierungen der Welt sich verschworen haben, um im Geheimen einen Plan auszuführen, der die gesamte Menschheit versklaven soll. Du bist auch nicht der Meinung, dass es Bill Gates größter Traum ist, alle Menschen mit einem Chip zu versehen, der ähnlich unzuverlässig sein wird, wie Microsoft Windows. Und du hast nichts gegen Migranten per se und verurteilst jegliche Form von Rassismus und Sexismus? ABER du hast ein Problem mit den aktuellen Maßnahmen der Politik zum Umgang mit der weltweiten Pandemie? Und du möchtest diese Meinung äußern können, ohne mit zwielichtigen Gruppierungen in einen Topf geworfen zu werden.

Dann hätte ich einen Vorschlag. 

Erstens: Problembeschreibung

Formuliere klar und deutlich (wenn auch nur für dich selber), was dein Problem mit der aktuellen Politik ist. Hinweis: “Alles ist scheiße” zählt als Argument nicht. Natürlich gibt es Dinge, die man kritisch hinterfragen kann oder die Frust auslösen. Niemand (!) findet Corona toll.

Ein Freund von mir hatte kürzlich Kontakt mit einer Person, die positiv auf Covid-19 getestet wurde. Er musste sich daraufhin für 14 Tage in Quarantäne begeben und konnte dadurch nicht den seit Monaten geplanten Urlaub mit seinen Kindern wahrnehmen. Er durfte die Quarantäne selbst dann nicht verlassen, nachdem er zweimal (!) negativ getestet wurde. Natürlich ist der Frust darüber riesig. Völlig nachvollziehbar. Das ist ein Zustand der Fremdbestimmung, den wir hier in Deutschland normalerweise höchstens Asylbewerbern zumuten. Denen dann auch gerne etwas länger. Mein Freund hat diese Maßnahme zähneknirschend akzeptiert, weil diese Regelung getroffen wurde, um die Mehrheit der Bevölkerung vor einer Krankheit zu schützen, deren konkrete Auswirkungen und Verbreitungswege noch nicht abschließend geklärt ist. 

Trotzdem hätte man sich in dieser Situation eine differenzierte Vorgehensweise von den Behörden gewünscht. Schnellere Tests und die Zustimmung, dass er basierend auf den negativen Testergebnissen den planmäßigen Urlaub mit seinen Kindern (übrigens in einer einsamen Waldhütte) verbringen darf. Also der Wunsch nach mehr Differenzierung und schnellerem, pragmatischen Vorgehen in Einzelfällen ist eine sehr berechtigte Forderung. Auch die fehlende finanzielle Unterstützung für Selbständige. Oder dass Lehrkräfte und Eltern mit den Herausforderungen des Homeschoolings allein gelassen wurden, kann man selbstverständlich kritisieren. 

Aber bitte: Wirf nicht alles in einen Topf! Und vor allem führe keine Stellvertreterkämpfe! Wenn du kein Selbständiger bist oder Selbständige in deinem direkten Umfeld hast, die aktuell in echten finanziellen Schwierigkeiten stecken, dann mach dir diese Argumentation nicht zu eigen. Steh für deine eigenen Herausforderungen ein. Das sind die einzigen, für die du wirklich überzeugend argumentieren kannst. Überleg dir ganz genau und konkret, mit welchen Einschränkungen du aufgrund der Corona-Maßnahmen leben musst und formulier diese aus deiner ganz persönlichen Sicht, möglichst ohne einen Politikernamen in Kombination mit kreativen Schimpfworten zu verwenden.

Zweitens: Perspektivwechsel. 

Überleg dir, warum es Menschen gibt, die die Situtation anders bewerten als du. Versuch dabei bedeutungslose Worthülsen wie “Schlafschaf” oder “Mainstreammedien” zu vermeiden. Versetz dich in eine Person hinein, die beispielsweise die Maskenpflicht befürwortet. Nimm einfach mal an, dass diese Person nicht debil, bescheuert oder einfach nur ein seelenloser Mitläufer ist. Sondern dass sie sich vielleicht tatsächlich ebenfalls sehr ausführlich informiert hat und lediglich zu anderen Schlüssen gekommen ist, als du. Versuch zu verstehen, auch wenn es dir schwerfällt, dass diese Person vielleicht kein schlechter Mensch ist! Sondern in dieser unsicheren Situation einfach nur das Beste für sich und ihre Liebsten möchte. Wie du. Und nun kommt die Königsdisziplin: stell dir vor diese Person wäre Politiker:in oder Wissenschaftler:in und müsste in einer extrem unübersichtlichen Informationslage eine weitreichende Entscheidung treffen. In dem Wissen, dass es keine richtige Antwort gibt und eine signifikante Menge der Bevölkerung extrem unzufrieden mit dem Ergebnis sein wird. Egal wie sie sich entscheidet. Wenn du möchtest, überleg dir, was du mit dieser Person besprechen würdest, wenn ihr zu zweit allein an einem Tisch sitzen würdet. Was würdest du ihr sagen, damit sie dich versteht? Und wärst du bereit ihr zuzuhören, wenn sie dir ihre Argumente schildert?

Drittens: Meinungsfreiheit

Wenn du die ersten beiden Schritte durchgeführt und dann deiner Erkenntnis öffentlich Ausdruck verleihen möchtest. Dann halte dich an die aktuell geltenden Gesetze. Du pochst auf die Grundrechte. Das ist gut. Und wichtig. Bedenke, dass zu den Grundrechten aber nicht allein die Meinungsfreiheit und das Versammlungsrecht gehören, für dass du dich berechtigt und dankenswerterweise voll einsetzt. Bedenke außerdem, dass dieses Recht der Meinungsfreiheit nicht automatisch auch das Recht ist, dass andere deine Meinung teilen müssen. Und dass dir die Versammlungsfreiheit nicht das Recht gibt, dich über geltende Gesetze hinwegzusetzen. Denn es gibt zum Beispiel auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit. 

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland sieht aktuell ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit bedroht durch das Coronavirus. Zeig, dass dir demokratische Werte wichtig sind, indem du diese Angst respektierst. Du hast vielleicht auch Angst vor etwas. Vor finanziellen Einbußen, vor häuslicher Gewalt, vor Einschränkung der Freiheit, vor gesundheitlichen Folgen durch das Tragen einer Maske. Und du möchtest, dass andere das verstehen und dir dabei helfen, diesen Ängsten entgegenzutreten. Dann zeig ihnen, dass dir ihre Ängste auch wichtig sind. Trag eine Maske, halte Abstand und nimm Dialogangebote wahr. Wenn du dem Gesundheitsminister gegenüber stehst und er signalisiert, dass er an deiner Meinung interessiert ist, dann schrei ihn nicht sinnlos nieder und überschütte ihn mit Beschimpfungen. Das bringt weder dich noch ihn noch irgendjemanden anderes weiter. Und wenn du auf die Grundrechte pochst, dann solltest du genauso auch für Artikel 1 des Grundgesetzes einstehen: die Würde des Menschen ist unantastbar. Egal wie unzufrieden du mit den politischen Entscheidungen einer Person bist. 

Viertens: Distanzierung

Wenn du selbst kein Nazi bist und nicht mit Reichsbürgern, Verschwörungstheoretikern und gewaltbereiten Regierungskritikern in einen Topf geschmissen werden möchtest, dann distanzier dich glaubhaft. Damit meine ich nicht, dass du so Sachen sagst, wie: “99% der Demonstrierenden waren friedlich. Warum wird nur über die 1% berichtet”. Das ist eine sinnlose Forderung. Es wird immer, egal bei welcher Veranstaltung, über die 1% berichtet. Die einzigen Massenveranstaltungen auf deutschem Boden, bei denen nicht 99% der Teilnehmer friedlich sind, sind die Hooligantreffen auf einem nebligen Feld in der Uckermark. 

Beschwer dich nicht über die Medien, die nur die Krawallmacher zeigen. Kritisier stattdessen die Krawallmacher, die im Vorhinein genau wussten, dass genau das passieren würde. Wenn jemand auf eine Demo geht, mit Reichsflagge und Nazitatoos, dann weiß diese Person, dass die Medien sich darauf stürzen werden. Und alle anderen Teilnehmer der Demo wissen es auch. Man kann nicht von allen anderen Menschen verlangen, dass sie endlich aufwachen und mal selber denken sollen, und gleichzeitig die rechten, faschistoiden, menschenverachtenden Strömungen in den eigenen Reihen ignorieren. Und wenn du dich tatsächlich, wie du behauptest, gedanklich von diesen Menschen distanzierst, dann tu das auch körperlich. Lauf nicht friedlich nebenher und tu so, als hätten die nichts mit dir zu tun. Positionier dich schon vorab klar und deutlich gegen diese Gruppierungen, grenze sie während der Demonstration aus oder verweis sie selber des Feldes. Und falls du dich das nicht traust, weil du vor denen mehr Angst hast, als vor der großen Mehrheit der Leute, die die Maßnahmen befürworten, die du kritisierst, dann organisier deine eigene Demo. Und mach von Anfang an eindeutig klar, welche Gruppierung nicht erwünscht sind. Und lad vor allem keine Vertreter dieser Gruppierungen als Sprecher ein.

Wenn du all das nicht tust, dann musst du dir den Vorwurf gefallen lassen, dass du Zweckallianzen mit antidemokratischen Gruppierungen schließt, um deine persönlichen Ziele voranzutreiben. In dem Fall sei aber auch so ehrlich, dir einzugestehen, dass du einfach nur deinen Frust ablässt. Mit dem Kampf für die demokratischen Grundrechte hat das alles dann nämlich nichts mehr zu tun. 


Foto von Kelly Lacy von Pexels

Gregor Ilg
Jeden Tag die Welt verbessern. Zumindest für irgendjemanden. Zumindest ein bisschen. Blogger für eine zukunftsfähige Welt
Sehr interessant. Halt mich auf dem Laufenden!

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